Aus dem Gruselkabinett des Internets

 

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Facebook-Party in der niederländischen Kleinstadt Haren. Dort hatte im September 2012 eine unachtsame Sechzehnjährige über Facebook zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen und Tausende kamen – das Ergebnis waren der Einsatz von fünf Hunderschaften der Polizei, 20 Festnahmen, mehrere Verletzte und eine verwüstete Kleinstadt. Es war nicht das erste und nicht das letzte solcher Ereignisse – weltweit. Natürlich auch in Deutschland.

Derartiges sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn von der Anreise hunderter oder gar tausender junger Nordafrikaner nach Köln und in andere deutsche Städte zu Silvester 2016 die Rede ist – und vom entsprechenden Polizeieinsatz. Die Menschen unterscheiden sich nunmal allüberall nicht sonderlich voneinander und was 2012 in Haren passierte, hätte ebenso gut 2016 in Köln passieren können.

Es bedarf keiner großartigen politischen Mobilisierung. Zu einer Facebook-Party in Mexiko erschienen 10.000, da sind wir in Köln mit unseren 1.000 bis 2.000 Nafris noch gut weggekommen.

Nun, es ist nichts passiert, Dank unserer Polizei, also könnte auch wieder Ruhe eintreten. Wäre da nicht die Sucht der Adabeis und Internetpfauen, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um sich selbst öffentlich darzustellen und zu produzieren. Im Bemühen, irgendwie am gelungenen Polizeieinsatz herum zu kritteln, nahmen sie den Ausdruck „Nafri“ aufs Korn. Der im Unterschied zu „Moffen“, „Pimocken“ und „Piefkinesen“ zwar selbst dann nicht so das richtige Empörungspotential mit sich brächte, wenn damit nicht nur unerzogene männliche Nordafrikaner zwischen 18 und 35 mit aggressivem Auftreten und Hang zur Kleinkriminalität gemeint wären, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen.

Die übliche moralinsaure weibliche Unschuld, also die modernen Nachfahren der Betschwestern und Diakonissen, machte in Gestalt der Grünen Simone Peter den Anfang, aber das kennen wir zur Genüge. Psychologisch interessanter ist ein anderer Fall: der notorische Pöbler Christopher Lauer. Der ergriff die Gelegenheit, mal wieder zur allseitigen Unterhaltung beizutragen und nannte den Begriff Nafri „für in hohem Maße entmenschlichend“ und führte aus:  „Wenn die nun in der Silvesternacht hunderte Menschen so bezeichnen, ist das eine pauschale Verurteilung einer ganzen Bevölkerungsgruppe nur nach dem Aussehen.“

Nun ja, unüblich ist das eigentlich nicht. Das erste, was mir zu ganzen Bevölkerungsgruppen, die pauschal nach dem Aussehen beurteilt werden, einfällt, sind Fußballfans. Die fängt die Polizei ja auch gerne mal noch vor der Stadt ab, lotst sie geschlossen ins Stadion und von dort aus ebenso geschlossen wieder zum Bahnhof – und Tschöh. Und keiner fragt, woran man die denn auch dann erkennt, wenn sie keine Kluft tragen. Also genau genommen nichts besonderes. Nur dass solche Fußballfans meist keine Ausländer sind, über die man den moralinsauren grünen Hering raushängen lassen kann. „In hohem Maße entmenschlichend“ – lächerlich.

Nun brachten derlei Aussagen nicht nur die üblichen Verdächtigen von der Rechten auf die Palme, die hierin auch eine wunderbare Gelegenheit fanden, mal wieder die Sau rauszulassen (manch einer von ihnen dürfte auch schon mal zu einer ganzen Bevölkerungsgruppe gehört haben, die von der Polizei nur nach ihrem Aussehen beurteilt wurde, der Kölner kennt auch das z.B. von Hogesa-Demonstrationen); nein, auch Normalbürger machten ihrem Ärger Luft, insbesondere solche, die Töchter im Beuteschema haben können, wie ein braver Sparkassenmitarbeiter und vielleicht sogar langjähriger SPD-Wähler in einer hessischen Kleinstadt. Der schimpfte:

Ich und mein Bekanntenkreis sind uns nun endgültig sicher bei der diesjährigen BW die einzig wahre Partei zu wählen, nämlich AfD. SPD war einmal und versinkt Hoffentlich in der Bedeutungslosigkeit, es ist langsam unerträglich.

Denn Lauer ist inzwischen SPD-Mitglied und wer die alte SPD noch kennt, für den liegt es nahe, dass aus dieser Mail an Lauer der Zorn eines ehemaligen An-hängers spricht.

„Der schlimmste Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ Lauer nahm die Mail zum Anlass, den Urheber bei seinem Arbeitgeber anzuschwärzen – denn dummerweise hatte er mit seinem Sparkassenaccount gepostet; Achtlosigkeit, falscher Klick, kommt schon mal vor, wenn wir an die Facebook-Verwüstungs-Parties denken. Wobei Lauer angesichts bisheriger Vorkommnisse wohl kaum jemand abnehmen wird, dass es ihm um den Schutz der lokalen Sparkasse ging; es ging um das öffentliche Anprangern eines – potentiellen – AfD-Wählers:

Natürlich stelle ich AfD-wählende Sparkassenmitarbeiter bloß, wenn die so dumm sind während der Arbeit von ihrem Dienstaccount beleidigende Mails zu verschicken. Ich will gar nicht wissen auf was für Daten der Mann Zugriff hat und ob er die ggf. an seine rechten Kumpels weiter gibt.

Was an o.a. Mail beleidigend sein soll, bleibt natürlich Lauers Geheimnis; problematischer erscheint, dass er dem Sparkassenmitarbeiter kaum kaschiert unterstellt, er könnte (Kunden)Daten weiter geben, also eine ganz und gar nicht harmlose kleine Straftat.

Worum es tatsächlich geht, tweetete ein anderer:

Der Schuss ging jedoch nach hinten los. Zu Lauers großem Bedauern solidarisierte sich nämlich die SPD keineswegs mit ihm; dermaßen suizidal ist sie offenbar noch nicht veranlagt. Der Oberseeheimer Kahrs z.B. meinte zu Lauers Ergüssen und den Folgen schlichtweg, „wer Unsinn redet, muss das Echo abkönnen“ – Lauer, um haltlose Übertreibungen nie verlegen, machte daraus, Kahrs wünsche ihm „den rechten Mob auf den Hals“ und begann eine wahre Jammerorgie, in der er sich auf einmal zum armen Opfer von Denunziation und Shitstorm hochjubelte und mit einem Hashtag #schnapsforlauer um Fans buhlte.

Am aufschlussreichsten ist aber die Verwendung eines anderen Begriffs: Herrenmensch. Er gebraucht ihn offenkundig in anderem Kontext als in dem, den man routinemäßig erwarten könnte. Als Herrenmenschen bezeichnet Lauer seine Kritiker und offenbart damit eine anscheinend tiefe, aber verdiente Verletzung: er nämlich ist kein Herr, kein Gentleman, sondern einfach nur ein vulgärer Pöbler, den man nirgendwohin mitnehmen kann, will man sich nicht unmöglich machen. Jemand, der nicht in die sogenannte bessere Gesellschaft passt, ein Lumpenprolet, ein Möchtegern-Emporkömmling aus der Hefe des Internets. Man muss wissen, dass der bekannte Blogger Don Alphonso, der ganz gerne mal und wohl in durchaus provozierender Absicht den wohlhabenden baiuwarischen Patriziersprößling darstellt, schrieb, dass Lauers Verhalten dem Sparkassenmitarbeiter gegenüber im Einklang mit seinen sonstigen Äußerungen rechtlich durchaus bedenklich sein könnte, um diesen Tweet richtig zu verstehen:

Was ihm in einer Gesellschaft, in der man die Stiefel vor der Tür stehen lässt, statt die Dreckklumpen ins Wohnzimmer zu tragen, freilich nichts nützt.

Die Froschpiraten

Frosch 2„Quámquam súnt sub aquá, sub aquá maledícere témptant“, so einer der besten Verse, die je gedichtet wurden. „Obwohl sie unter dem Wasser sind, versuchen sie noch unter dem Wasser zu stänkern“. Qua, qua.

Ovid erzählt hier die Geschichte von der Göttin Leto, die von Göttermutter Hera eifersüchtig verfolgt und von der Erde verbannt, Zuflucht auf einem Inselchen in einem Weiher fand und dort die Götter Artemis und Apollo gebar. Die Bauern aber gönnten ihr weder Zufluchtsort noch das Wasser des Weihers, mobbten sie und patschten mit ihren Füßen im Matsch und trübten das Wasser, weil sie es der Göttin verweigerten, Frösche 1entfesselten also aus Missgunst einen waschechten Shitstorm. Wofür Leto sie verfluchte; sie verwandelte sie in Frösche. So konnten sie auf ewig im Matsch paddeln und herum quaken.

Tja. Die berühmt-berüchtigten Zitate des ins Wasser Gegangenen habt Ihr ja gelesen – und etliche noch an Land Gebliebene ließen sich anregen, weiter zu stänkern und zu zetern, wie es anscheinend ihre doch recht froschig anmutende Natur ist.

Es sind übrigens nicht die einzigen berühmten Frösche der Antike, die für eine bestimmte Sorte Mensch stehen. Zu nennen wären da auch noch die Frösche des Aristophanes, die das Wasser bewohnten, über das man zum mehr oder minder höllischen Totenreich fahren musste. Dort, bei den verstorbenen Großen, suchte Gott Dionysos die Dichter zu finden, die es auf Erden nicht mehr gab; da gab es nur noch so was:

Xanthias: Herr, fang‘ ich wohl mit Spaßen, von der Sorte
Der ordinären, stets belachten, an?

Dionysos: Meinthalb, soviel du willst, nur kein: »Das drückt!«
Das laß mir weg; ich hab’s zum Ekel satt.

Xanthias: Doch sonst was Schnurriges?

Dionysos:                                               Nur nicht: »Mein Rücken!«

Xanthias: ’nen Kapitalspaß also?

Dionysos:                                     Ja, zum Henker,
Nur herzhaft los! – Doch hör, kein Wort –

Xanthias:                                                           Wovon?

Dionysos: Dich kackre und du woll’st dir’s leichter machen!

Xanthias: Doch das: »Wenn ich mich länger mit dem Pack
Noch schleppen muß – so knarrt die Hintertür?«

Dionysos: Ums Himmels willen, nein, mir würde übel!

Frosch 3Im griechischen Drama gab es immer einen Chor. Der stellte eine Gruppe bestimmter Leute dar, also Bürger einer Stadt, gefangene Frauen, Krieger – und hier, in Aristophanes Komödie, sank die ehrwürdige, erhabene Institution des Dramas herab zum Chor der Frösche. Zwar versuchte Dionysos trotzdem den üblichen Dialog mit diesem Chor, doch brachte ihm das nur einen Wutanfall ein, denn mehr als „brekkekkekkekkeks koax koax“ bekam er nicht als Antwort.

Es ist eine uralte Metapher. Ödipus, Antigone, weithin bekannt.

Doch zur Ehre des kulturellen Olymp  möchte ich gern auch die ollen Frösche erheben.

Frosch 1Wir sehen ja aus der Lebenspraxis: sie haben es verdient.

Und wenn wir wissen, dass die Viecher vernünftige Menschen schon seit 2.500 Jahren ärgern und zur Weißglut treiben, so dass die Götter selbst Blitze schleudern – dann, denke ich, ist das auch problemlos mit einem wissenden Lächeln zu ertragen.

„Quámquam súnt sub aquá, sub aquá maledícere témptant“, „obwohl sie unter dem Wasser sind, versuchen sie noch unter dem Wasser zu stänkern“.

Jo. So is das nun mal. Im Morast quaken die Frösche.

Froschteich