Die Reaktionen der anderen Seite

Drawing Muslim JewsDie andere Seite – das sind die Nicht-Europäer, vor allem die Menschen in Nah-/Mittelost und Afrika.

Nein, die andere Seite sind nicht IS oder el-Qaeda. Es ist absolut lächerlich, das auch nur zu denken. Denn man kennt die bestens in Nah-/Mittelost und auch in Afrika. Will man hier wirklich annehmen, den Menschen in dieser Region sei es egal, wenn man ihre Mütter, Väter, Brüder und Schwestern, ihre Kinder auf dem Markt in die Luft sprengt? Ihre Mädchen entführt und zwangsverheiratet, ihren jungen, fleißigen, bestens ausgebildeten Frauen Berufsverbot erteilt? Ihre Söhne in’s Gefängnis wirft, auspeitscht, köpft? Das gar noch gut findet und unterstützt? Was ist es für ein Affront, Muslime, die in erster Linie Opfer dieser militanten Islamisten sind, unter den Verdacht zu stellen, sie würden ihren Mördern Handreichungen leisten!

Sending love
„Sending love“

Gerade sie verstehen sehr gut, was es heißt, von Attentaten unmittelbar betroffen zu sein, von Toten, von dem Angriff auf eine freiheitswillige Gesellschaft und ihren Staat. Es dauerte nur wenige Stunden, da ging diese Zeichnung als Reaktion um die Welt und der palästinensische Abgeordnete Mustafa Barghouti verbreitete noch am 7. Januar, dem Tag des Attentats, „Die Palästinenser sind geschockt, wütend und verdammen den schrecklichen Angriff auf französische Journalisten, die Gedanken sind bei ihren Familien.“

Doch die Stimmung hat sich geändert. Nicht, was Attentat und Attentäter und auch das Mitgefühl mit den Familien betrifft. Wohl aber, was die wieder allzu offenbar gewordene schreiende Ungerechtigkeit Europas betrifft, seine schon die Grenze zur Lüge überschreitende Bigotterie, seine Selbstgefälligkeit. Europa verteidigt die Menschenrechte? Auch die derjenigen, die im Mittelmeer ertrinken? Auch die der Kinder, die, während der Schneesturm am südlichen Rand des Mittelmeers tobte, in diesen Zelten leben müssen? Die die Kinder in Gaza dank Israels Verweigerung, die Grenzen zu öffnen, oft  noch nicht mal haben?

SZ Karikatur
Mohr erklärte, er habe „eine überspitzte Zeichnung Mark Zuckerbergs in Kombination mit der Krake aus dem Film ‚Fluch der Karibik‘ dargestellt“.

Am meisten empörte jedoch das bigotte Bekenntnis zur Meinungsfreiheit. Dass es damit tatsächlich nicht weit her ist, weiß jeder, der sich irgend wann einmal wissentlich oder unwissentlich über Juden lustig gemacht oder gar Israel kritisiert hatte. Beispielhaft hierfür die angeblich antisemitischen Karikaturen der Süddeutschen Zeitung. Ein absurder Vorwurf, wie auch SPON berichtete. Die Angriffe, vor allem von Seiten des berüchtigten Simon-Wiesenthal-Zentrums, führten dazu, dass die SZ umgehend zu Kreuze kroch – wenn von Selbstzensur und Schere im Kopf die Rede ist, sollte man vorrangig an so was denken. Manchen sich links nennenden Israel-Fanatikern gilt es sogar bereits als antisemitisch, wenn man das internationale Finanzkapital angreift; denn angeblich habe man dabei nichts anderes im Kopf, als eine Hand voll jüdischer Akteure. Wird Zeit, hier einmal Aluhüte zu  verteilen. Man kann davon ausgehen, dass Vertreter des internationalen Finanzkapitals gegen eine derartig absurde Immunisierung gegen Kritik nichts einzuwenden haben; wobei man freilich nicht übersehen sollte, dass hierzu vorrangig auch die der Deutschen Bank gehören.

Breivik
„Erinnert sich wer daran, wie die Medien eine große Sache daraus machten, dass er ein Christ ist? Nein? Ich auch nicht.“

„Der demonstrative Schrei für freie Rede ist edel, aber heuchlerisch“ titelt die londoner Schauspielerin und Fotografin Alexandra Chaloux in ihrem lesenswerten Blogpost auf der britischen Huffington Post. Mag es missverstandene Solidarität mit den Opfern des Attentats sein, aber die Stimmen, die sich gegen diese Heuchelei wenden, sind doch recht leise. Dass eine gewisse Unterwürfigkeit wohl die Ursache sein dürfte, eine Selbstzensur, freilich in anderer Richtung, zeigt die ebenso leise Reaktion auf die Weigerung der meisten renommierten internationalen Medien der USA, die Karikaturen aus Charlie Hebdo abzudrucken, hier in einem Reuters-Artikel erklärt. Was soll man dazu auch sagen? Selbstzensur aus Angst ist es ja nicht, wenn argumentiert wird, das Zeigen dieser Karikaturen sei respektlos und die Entscheidung, sie nicht abzudrucken, letztlich eine Frage von Manieren.

Journalisten in Gaza getötet
„Wo waren die ‚Freiheit der Rede‘-Leute, als 17 Journalisten 2014 in Gaza von Israel abgeschlachtet wurden?“

Das Netz reagierte auf diese Bigotterie mit Gegenüberstellungen: „Konservative Christen nennen extremistische Christen rechtsradikale Bekloppte. Aber ein muslimischer Extremist ist ein muslimischer Terrorist. Entweder beide gleich oder gar nicht“. In der Tat hatte auch Breivik sich selbst als einen christlichen Soldaten bezeichnet und dieser (übersetzte) Tweet zeigt genau das Problem: jeder Moslem, der sich schlecht benimmt oder gar straffällig wird, wird automatisch mit allen Muslimen gleich gesetzt. Und auch das hat eine Parallele in der Judenverfolgung: was immer an einem jüdischen Individuum negativ auffiel, ob Selbstsucht, Schmuddeligkeit, krimineller Wucher oder gar ein Attentat, wurde als Eigenschaft allen Juden zugeschrieben.  „Wenn John einen Menschen tötet, wird John die Schuld gegeben. Aber wenn Ali einen Menschen tötet, wird dem Islam die Schuld Greenwaldgegeben?“ Ja, es ist das alte Muster. Es wäre dringend an der Zeit, dass das Abendland das mal als eine weniger erfreuliche offenkundige Spezialität seiner Kultur untersucht. Denn dieses fast schon wie eine fixe Idee erscheinende Vorurteil kann Murdochwahrhaft absurde Blüten treiben, wie auch Glenn Greenwald feststellte. Denn da stieß CNN’s Nachrichten-Moderator Don Lemon den Menschenrechts-Aktivisten und Anwalt Arsalan Iftikhar, der zuvor ausführlich dargelegt hatte, dass und warum das Attentat von Paris auch aus Sicht des Islam nicht zu rechtfertigender Mord sei, mit der Frage vor den Kopf, ob Iftikhar ISIS unterstütze. Was ebenso auf ein weit verbreitetes Phänomen weist: Muslime können sich von extremistischen Terroristen so oft distanzieren, wie sie wollen – es wird einfach nicht zur Kenntnis genommen. Als ob die Islamophoben dafür taub wären. Jüngstes Beispiel: der Zeitungsmogul Ruppert Murdoch.

Titel 2
„Boko Harams Sexsklavinnen sind wütend: Hände weg von unserer Sozialkasse!“ (Anspielung auf Schwangerschaften, um Transferleistungen zu erhalten)

Man möge sich nicht vertun. Die Kritik an der Bigotterie des Abendlandes, speziell Europas, beschränkt sich nicht auf Palästina, Irak, Syrien. Schon der Umstand, dass einer der Attentäter aus dem am Südrand der Sahara gelegenen Mali stammt, weist auch auf andere Regionen. Aus Schwarzafrika kam die Kritik an dort als klar rassistisch empfundenen Karikaturen des Charlie Hebdo, woran auch teilweise schwer um die Ecke denkende Rechtfertigungsversuche nichts ändern können. Damit wird natürlich nicht das Attentat relativiert. Wohl aber die Selbstidentifizierung mit Charlie Hebdo mit dem Satz „Je suis Charlie“ – verständlich für die Franzosen, doch unterstelle ich, dass ein Großteil derer, die sich unter diesen Satz stellen, von Charlie Hebdo’s Publikationen nicht die geringste Ahnung haben. Das übrigens mit einer Auflage von nur 30.000 nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe war, denn auch der wegen angeblichen Antisemitismus gefeuerte Zeichner Sine hatte bei seiner Neugründung einiges an Lesern mit genommen. Man muss wohl nicht weiter erwähnen, dass Charlie Hebdo in diesem Falle Sines Berufung auf die Meinungsfreiheit nicht weiter  zur Kenntnis nahm.

Algerienkrieg
Französische Algerienkrieger präsentieren Köpfe getöteter Algerier

Algerier gruben alte Fotos aus dem Algerienkrieg (1954-1962) aus, und die sind durchaus nicht uninteressant, zeigen sie doch, dass die Greueltaten von IS keineswegs ein Rückfall in das Mittelalter sind, denn dieses hier liegt gerade mal gut 50 Jahre zurück und auch Abu Ghoreib und die Drohnenmorde ohne Rücksicht auf zivile Opfer zeigen, dass das Mittelalter, wenn wir denn davon sprechen wollen, auch im Abendland nicht so lange vergangen, wie man sich erträumt, vermutlich sogar hier genau so präsent ist, wie bei den islamistischen Extremisten.

Charlie Hebdo bezeichnete sich selbst als Anhänger des schlechten Geschmacks. Nun gut. Mit einer Satirezeitschrift, die schlechten Geschmack verbreitet, kann auch die große Mehrheit der Muslime leben; sie müssen es ja nicht lesen. Das ist nicht der Stein des Anstoßes. Es ist die Einseitigkeit, die empört. Dass Freiheit, Demokratie, Recht und Gerechtigkeit, Meinungsfreiheit bis hin zum Recht auf Leben nur für eine Seite der Menschheit gelten, ganz in der Tradition des britischen puritanischen Diktators Oliver Cromwell, der die Demokratie entschieden verteidigte, allerdings nur die der Puritaner, denn nur die Puritaner galten den Puritanern als Heilige und nur Heilige konnten über die Welt entscheiden. Die katholischen Iren wussten, was das heißt, denn sie wurden von den heiligen Puritanern hingeschlachtet.

Deswegen mit dem Anspruch der Redefreiheit für die ganze Welt zum Abschluss zwei  gleichermaßen geschmacklose Karikaturen:

Koran ist Scheiße
„Der Koran / Charlie Hebdo ist Scheiße. Er hält die Kugeln nicht ab.“

Leitfaden zur Verteidigung Israels / How to defend Israel

Don’t understand German? Scroll down and you find the original I translated.

Es gibt einen neuen Leitfaden für Zionisten – den alten hatte ich hier vorgestellt – den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, hat er doch für jeden, der sich gerade auch wegen des Gaza-Krieges mit Israels Politik auseinander setzt, lustigen Wiedererkennungswert.
Dem mir unbekannten Autor sei hiermit der Dank der Palästina-Solidarität ausgesprochen.

Empfohlen sei dieser Leitfaden hiermit auch den Teilnehmern pro-israelischer Demonstrationen und ihrer medialen Begleiter, denn eine solche kurze Anleitung ist vielleicht einfacher und schneller zu lesen, als die doch etwas geschraubteren, die sie andernorts finden.

 

Zionisten-Manual: wie Israel zu verteidigen ist

  1. Nennen Sie die betreffenden Personen Antisemiten, auch wenn sie Juden sind.
  2. Bestreiten Sie, dass es Palästina gibt. (Wenn sie argumentieren, Salvador, Guatemala, Kongo und Algerien hatten auch nie Staaten vor ihrer Unabhängigkeit und dennoch würde niemand glauben, es sei gerechtfertigt, Häuser, Farmen und Unternehmen ihrer Bürger zu konfiszieren > kehren Sie zurück zu Nr. 1.)
  3. Leiten Sie darauf um, die Schuld Hamas zuzuschreiben. (Wenn sie fragen, warum diese Fehde tobte, lange bevor Hamas überhaupt gegründet wurde > kehren Sie zurück zu Nr. 1.)
  4. Weisen Sie darauf hin, dass die Palästinenser die Brutalität, die Israel ihnen aufzwingt, verdient haben, weil sie für Hamas gestimmt haben. (Wenn sie sagen, das sei die selbe Entschuldigung, die Bin Laden gebrauchte, als er das World Trade Center in die Luft jagte und amerikanische Zivilisten tötete > kehren Sie zurück zu Nr. 1.)
  5. Verlangen Sie, dass das jüdische Volk das Recht zur Räckkehr habe, weil es dort vor Tausenden von Jahren gelebt habe. (Wenn sie argumentieren, dass die palästinensischen Flüchtlinge auch ein Recht auf Rückkehr haben, weil die meisten von ihnen ethnisch gesäubert wurden und immer noch die Schlüssel zu ihren früheren Häusern haben > kehren Sie  zurück zu Nr. 1.)
  6. Erwähnen Sie, dass Sharon Gaza den Palästinensern gab und dass es seither nicht mehr unter Besatzung steht, dass Hamas aber trotzdem immer noch mit Raketen schießt. (Wenn sie darauf aufmerksam machen, dass Israel auch weiterhin Gazas Luftraum, seine territorialen Gewässer und seine Grenzen kontrolliert >kehren Sie zurück zu Nr. 1.)
  7. Beschuldigen Sie die anderen Araber dafür, dass sie ihre palästinensischen arabischen Brüder nicht in ihrem Land willkkommen geheißen haben. (Wenn sie damit argumentieren, dass die Palästinenser das Recht auf Selbstbestimmung haben und dass andere arabische Staaten nicht das Chaos aufzuräumen haben, das Europa, die USA und Israel produziert haben > kehren Sie zurück zu Nr. 1.)

 

IDF-Manual

 

Wie, antisemitisch?

Dies ist ein Rant.

Er gilt nicht den Plattformpiraten. Dieser deutsch-nationalistische Haufen, der die Richtungen verwechselt und meint, man sei progressiv, wenn man sich nicht nach dem letzten, sondern nach dem vorletzten Jahrhundert orientiert, meint, er müsse nun zum neuen ideologischen Volksführer werden, da die Gesellschaft so was brauche, ist keinen Rant wert. Die haben längst das Fangseil zum Raumschiff Gesellschaft gekappt und treiben nun frei im Raum davon – so lange der Sauerstoff in ihrer Filterbubble reicht. Dann gehen sie hopps und vielleicht wird irgend wann mal ein Historiker fragen, welchem Ereigniss denn diese schauerliche Mumie zum Opfer gefallen ist.

Nein, er gilt dem anderen Haufen. Dem, bei dem – eventuell – noch was zu retten ist. Durch Chemotherapie. Wenn der Krebsknoten sich davon gemacht hat.

Zwei große Ereignisse zeigen, dass es Quark ist zu behaupten, Außenpolitik brauche man nicht, weil, interessiere ja keinen. Denn derzeit interessiert überhaupt nur Außenpolitik: der Abschuss der Passagiermaschine über der Ukraine mit seinem ganzen verwirrend komplizierten politischen Umfeld und seinen allseitigen Propagandakanonaden und – Gaza. Also der Nahostkonflikt. Mal wieder. Das alte Krebsgeschwür, das ständig die halbe Welt in Atem hält und immer wieder mal, wie jetzt, die ganze.

2Nase voll. Obama hat Kerry doch wieder zu Verhandlungen in die Region geschickt, da kreuzt er jetzt mit Ban Ky Moon auf. Weil das, was Israel in Gaza veranstaltet, nicht mehr erträglich ist. Weil die sich verhalten, wie tollwütige Hunde. Weil es jedem, der sich ernsthaft damit befasst, klar ist, dass dieser Staat von Rechtsradikalen dominiert wird, die „Araber ins Gas“ und „Jesus ist ein Hurensohn“ an Häuserwände schreiben, von einem angeblich biblisch versprochenen Herrschaftsbereich von Ägypten bis zum Euphrat träumen, sich jewish supremacy einbilden und „good night left power“ auf ihren T-Shirts tragen, schon mal junge Palästinenser bei lebendigem Leib verbrennen oder dermaßen zusammen schlagen, dass ihre eigene Mutter sie nicht mehr erkennt und deren Parlamentssprecher, Parteigenosse des Ministerpräsidenten, verkündet, man müsse nun die Bewohner von Gaza nach Ägypten vertreiben und den Gaza-Streifen Israel zuschlagen. Und nach dem, was die israelische Armee in Gaza veranstaltet, 4Zerstörung der gesamten Infrastruktur, platt machen der Häuser, sieht es ganz danach aus, als ob sie tatsächlich mal probiert, ob das nicht möglich wäre. Ägypten wird das nicht anders sehen, denn Sisi redet wieder mit der Hamas. Obgleich sie zur ihm verhassten Muslimbruderschaft gehört. Gratulation an Israel  zu diesem Ergebnis, das ebenso voraussehbar war wie, dass die Bevökerung von Gaza nunmehr die Qassam-Brigaden hoch leben lässt und für jeden toten israelischen Soldaten ’ne Kerbe ins Handy ritzt.

6Am Donnerstag., dem 17 Juli, begann die israelische Bodenoffensive gegen Gaza und in der Nacht zum 20. Juli begann das, was man nunmehr international das Massaker von Shejaiya nennt. Ich denke, das hat so ziemlich jeder mit bekommen; ansonsten verweise ich hierauf. Man sollte meinen, dass eine Partei, die sich auf das Netz beruft, in dem der Deuvel los ist , etwas dazu zu sagen hätte.  Dass eine Partei, die sogar starke pazifistische Tendenzen zeigte, ja wohl irgendwie mal sagen müsste, dass sie so gewisse Bedenken hat, wenn eine Armee mit hoch modernen Waffen, Boden-, Luft- und Seestreitkräften eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde angreift, das überhaupt gar keine Streitkräfte hat, wenn von dort ein paar Feuerwerkskörper über die 8 m hohe Mauer fliegen, auf die noch nicht mal der Iron Dome reagiert, der bisher noch alles, was hätte gefährlich werden können, abgefangen hat. Da kann man jetzt Empörung walten lassen, dat es mr ejal. Zwei israelische tote Zivilisten gegen inzwischen weit über 500 in Gaza sprechen eine eindeutige Sprache. Und im übrigen ist der vermehrte Raketenbeschuss aus Gaza auch nicht ohne Grund erfolgt – voher gab es 11 tote Palästinenser und hunderte Inhaftierungen, darunter so ziemlich alle, die nach internationalen Vereinbarungen frei gelassen worden waren.

Doch weit gefehlt. Wer auf der Webseite der Piratenpartei suchet, der findet all das, was im Moment wirklich keinen Schwanz interessiert. Nichts zu einem der derzeitigen Hauptthemen, Gaza? Gar nichts? Ich verrate mal ein Geheimnis: der „Lesetipp“: „Antisemitismus darf in NRW keinen Platz haben.“ Und? Was sagen sie zu Gaza? Da redet der Landesvorsitzende Patrick Schiffer doch tatsächlich von „jüngsten Eskalationen in Israel und dem Gazastreifen“ Am 20. Juli. Da haben schon Menschenrechtsorganisationen, wie z.B. Amnesty International, angekündigt, Israel wegen Kriegsverbrechen verklagen zu wollen. Da ging schon morgens durch die Nachrichten, dass in Shejaiya die Menschen barfuß fliehen,vorbei an auf der Straße liegenden Leichen. „Ein schwarzer Tag … – Ich bin bestürzt, beschämt und angewidert“ schreibt Schiffer fett. Für Gaza? Für Israel? Für die internationale Staatengemeinschaft? Für die Menschheit?

Ne. Für Essen.

Es wirkt also fröhlich weiter, das antideutsche und  zionistische Gift, gezüchtet auf dem Kultursubstrat der politischen Feigheit (man könnte ja von irgend wem schief angeguckt werden und sich verteidigen müssen)., das die Piratenpartei für jeden Internationalisten und auch für jeden Migranten unwählbar macht. Oder wem will man im Ernst verkaufen, eine Partei stehe für Bürgerrechte ein, der ein paar Flaschenwürfe auf pro-israelische Demonstranten wichtiger sind als hunderte Tote und Verletzte in Gaza?  Die wegen einer wütenden Minderheit – der man ihre Wut noch nicht mal verdenken kann – wohl am liebsten alle anti-israelischen Demonstrationen verbieten würde und ihre Teilnehmer als „Mob“ bezeichnet? Wer so offen das Geschäft Israels betreibt, ist hörig und damit ungeeignet, deutsche Interessen zu vertreten. Denn es ist das Bestreben der rechten Zionisten, wenigsten in Deutschland, das sie immer noch am ehesten unter ihrer Fuchtel haben, die anti-israelischen Demonstrationen verbieten zu lassen, indem sie die Teilnehmer wegen einer Minderheit, die im Grunde gar nicht dazu gehört, verleumden und diffamieren. Selbstverständlich sind diese Demonstrationen anti-israelisch. Und selbstverständlich sind sie wütend, Was denn sonst, wenn Israel dort Kriegsverbrechen begeht? Dass Israel ein Kriegsverbrecher ist, ist nicht antisemitisch, sondern wahr, ebenso, dass Israel ein Kindermörder ist.  Man muss in der Politik nicht auf ein Urteil des internationalen Strafgerichtshofs warten, um einen Staat mit gutem Grund dessen bezichtigen zu können. Das gehört zur Meinungsfreiheit, die die Piraten eigentlich verteidigen wollten, tatsächlich aber übler verletzen, als alle etablierten Parteien zusammen.

International wollen diese Piraten sein?
Wären sie international, dann wüssten sie, was international im Netz los ist. Gestern kam ein großartiger Artikel dazu heraus. Ich empfehle ihn jedem, denn darin geht es um weit mehr als um Gaza.  Es geht um die internationale Gemeinschaft der Netzbewohner, die ihre Themen selbst bestimmt, statt sie von Medien (oder gar eitlen Möchtegern-Volksführern und -ideologen) vorgeben zu lassen, die nicht nur jede Menge Informationen in Echtzeit sammelt, sondern längst ihre eigenen Mechanismen entwickelt hat, Wahrheit und Lüge voneinander zu trennen und ihre eigenen, schwarm-intelligenten Entscheidungen trifft. Das Netz, eine internationale Bürgermacht, auf die sich die Außenpolitik der Piraten längst hätte stützen müssen, von Anfang an hätte stützen müssen – warum taten sie es nicht? Warum wurde fast alles getan, um diese internationale Bürgermacht in Deutschland nicht in die Politik zu lassen? Fragen über Fragen.

5Wer im Netz lebt, weiß, wie lächerlich es ist, in Sachen Gaza und überhaupt Palästina mit Antisemitismus und Judenfeindlichkeit zu kommen. Denn nirgendwo sind Juden und NIchtjuden engagierter, fruchtbarer und freundlicher im gemeinsamen Ziel vereint, als bei der Palästina-Solidarität. Von den rechten Zionisten werden sie beharrlich tot geschwiegen oder selbst als Antisemiten bezeichnet – aber in der internationalen Palästina-Solidarität sind sie hoch geachtet und unverzichtbar. Das gilt nicht nur für 3die Prominenz. Das gilt für die vielen unbekannten Israelis und Juden, die tagtäglich ihre Humanität und ihre Moral in praktischem Handeln beweisen. Die auch nicht selten Prügel bezogen haben, wie die Palästinenser, und die nun ihrerseits Todesdrohungen empfangen haben – und Empfehlungen der israelischen Polizei, besser unterzutauchen.  Welcher Pirat redet davon? Wer weiß überhaupt davon?

Internationale Netzbewohner? Dass ich nicht lache.

 

28.04.2014: Palästina – der Ausblick

Seit meinem Abriss über den Stand der Palästina-Verhandlungen vom 23.04.2014 kristallisiert sich nun überraschend schnell die Richtung heraus, die in Sachen Palästina-Konflikt  sowohl von den USA als auch von Europa eingeschlagen wird.

Laut Ha’aretz von heute hat nunmehr der US-Sondergesandte und Unterhändler Martin Indyk Israel verlassen, wo er sich in den letzten Monaten meist aufgehalten hatte; Rückkehr unbekannt. Damit dürfte das Kapitel Verhandlungen aus Sicht der USA, speziell von Kerry, abgeschlossen sein. Der begibt sich dann auch zum avisierten Termin eines möglichen Rahmenabkommens, dem 29. April 2014, auf Reise nach Afrika.

Derweil arbeitet Palästina an einer „Technokraten-Regierung“, die die international gestellten Bedingungen für Unterstützung im Friedensprozess erfüllt: Anerkennung Israels, Absage an Gewalt und Anerkennng vorheriger Abmachungen, damit dürften insbesondere die der UNO gemeint sein, bei denen freilich eher deren Anerkennung durch Israel das Problem ist.  Hier rechne ich damit, dass sich die Barghouti-Linie durchsetzt, die, da Marwan Barghouti immer noch in israelischem Gefängnis sitzt, von Mustafa Barghouti vertreten wird. Sein Widerstand ist jung, modern und friedlich. Er ist nicht, wie es bewaffneter Widerstand üblicherweise ist, konspirativ, muss sich also nicht verstecken und kann entsprechend für Publizität sorgen. Es haben sich also auch die Palästinenser auf das Internet-Zeitalter eingestellt.  Dieser Widerstand findet sich beispielhaft in der Wiederbesiedlung des alten, entvölkerten Kirchendorfes Ein Hijleh, aber auch in den wöchentlichen Demonstrationen von Nabi Saleh. Eine sehr erfolgreiche Art des Widerstandes, denn Israel, insbesondere sowohl die IDF als auch die Siedler, sehen dabei gar nicht gut aus.

Auf der anderen Seite gehört Mustafa Barghouti auch mit zu den Architekten des erwarteten Abkommens mit Gaza, quasi der Wiedervereinigung, das in ca. 4 Wochen geschlossen werden soll. Auch das ist etwas, was Israel überhaupt nicht in den Kram passt und was es mit Hinweis auf die Hamas zu torpedieren trachtete; sieht allerdings nicht danach aus, als ob ihm das gelingt, es könnte vielmehr zu einem Rohrkrepierer werden. Denn zu Palästina gehört Gaza und seine Bevölkerung selbstverständlich hinzu und das sind immerhin gut 1,7 Millionen Menschen, die Israel wohl lieber samt Gaza-Streifen an Ägypten los geworden wäre. Im Gegensatz zu vielen Palästinensern gehe ich weiterhin davon aus, dass mit der Sperrung des Grenzüberganges Rafah vom Gaza-Streifen nach Ägypten und der Zerstörung der Tunnel zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen wurden: es diente nicht nur der Absage an die Verwandtschaft von Ägyptens Moslembruderschaft, der Hamas, sondern gleichzeitig der Absage an Israel, die Verantwortung für den durch hermetische Abriegelung besetzten Gaza-Streifen  stiekum Ägypten zu überlassen.

Ich würde mal davon ausgehen, dass diese Linie, gewaltfreier Widerstand und Wiedervereinigung  mit Gaza, von der überwiegenden Mehrheit der Palästinenser unterstützt wird. Gerade auch  von der Bevölkerung von Gaza: ihre Feier der Ankündigung eines solchen Abkommens zeigte das recht deutlich. Hamas-Land Gaza ist längst zu einem unglaubwürdigen Popanz geworden. Dass die Mehrheit der Bevölkerung mit dem Islamismus genau so wenig im Sinn hat, wie die Mehrheit überall im islamischen Raum, pfeifen die Spatzen von den Dächern und dass es in einem Landstrich mit dermaßen unterdrückter und gefangen gehaltener Bevölkerung immer genug Leute geben wird, die immer wieder mal eine selbst gebastelte Rakete über die Sperrmauer schicken, sagt einem der gesunde Menschenverstand. Dazu bedarf es keiner zentralen militanten Organisation.
Und die Wiedervereinigung wird eine Vereinigung unter Regierungschef Abbas sein. Ich wage zu behaupten, dass die alte Hamas-Linie damit tot sein wird.

Es ist ziemlich sicher, dass Abbas die oben erwähnten Bedingungen erfüllen wird. Die Anerkennung des Holocausts als schwerstes Verbrechen der Neuzeit pünktlich zum Holocaust-Gedenktag ist dafür ein klares Signal. Das reißt allerdings keinen Palästinenser vom Hocker. Die weit überwiegende Mehrheit hat das  Verbrechen Holocaust lange schon anerkannt, fragt allerdings, was sie, die Palästinenser damit zu tun hätten, dass sie es nun ausbaden müssten.

Da dies also ziemlich sicher ist, ist auch die Ankündigung ernst zu nehmen, dass der Spieß nunmehr umgedreht wird: er ist zu erwarten, dass Israel dann sowohl von den USA als auch von der EU unter heftigen Druck kommt. Ashton hat bereits die Bildung einer Einheitsregierung für ganz Palästina, einschließlich Gaza, begrüßt und angekündigt, dass die EU von Israel Kooperation mit dieser Regierung verlangt. Eine Kooperation, die mit den Rechtsradikalen in Israel nicht zu machen sein wird. So verkündete ihr Wirtschaftsminister Bennett bereits, er trete dafür ein, Zone C der West Bank, die 60 % des palästinensischen Staatsgebietes umfasst, zu annektieren, und dem Rest verstärkte Autonomie zuzubilligen. Autonomie wohlgemerkt. Von Staat spricht er nicht, verfolgt also ganz klar die Idee von Homelands à la Südafrika.

Herausgegeben wurde diese große politische Linie wohl von Kerry letzten Freitag in einem Treffen mit ungenannten „Führenden in den Welt“ hinter verschlossenen Türen, über das Daily Beast gestern berichtete. Es ist eine klare Absage an die Pläne der Rechtsradikalen: entweder saubere Zweistaaten-Lösung, oder Israel wird ein Apartheidstaat werden (was die Weltgemeinschaft nicht akzeptieren wird) mit dem Ergebnis des Scheiterns der Idee Staat Israel.

Angesichts der Tatsache, dass das, was für Israel zum endgültigen Scheitern der Gespräche führte, nämlich das avisierte Wiedervereinigungsabkommen mit Gaza, von Ashton begrüßt wurde und außer der doch recht weit her geholten Beschwerde über Abbas Anträge auf Mitgliedschaft in 15 UNO-Organisationen (wer könnte ernsthaft Einwände erheben, wenn jemand solche Mitgliedschaft beantragt, über die die UNO entscheidet) keine konkreten Beschwerden über die palästinensische Seite zu vernehmen sind, muss es als diplomatische Floskel angesehen werden, wenn auch Palästina Schuld am Scheitern der Gespräche zugeschrieben wird.  Das lässt aufmerken bei Kerrys Überlegung, ein Führungswechsel bei den Palästinensern oder den Israelis könnte einem Friedensabkommen förderlich sein. Der Führungswechsel bei den Palästinensern wäre wohl hin zu  Marwan Barghouti, dessen Nichtfreilassung das Scheitern der Verhandlungen einleitete. Und Israel? Nun, es ist jedem nüchtern-kritischen Beobachter klar, dass Rechtsradikale nichts in Regierungen zu suchen haben und Bennett und Lieberman werden sowohl außerhalb  als auch innerhalb Israels immer wieder als rechtsradikal bezeichnet; zu Recht. Ebenso wie die derzeit nicht mehr kontrollierbaren Siedler, die frech und öffentlich nicht nur die Annektion Palästinas, sondern auch noch Jewish Supremacy vertreten, also genau das, was man einst den Juden perfiderweise in diversen  Verschwörungstheorien unterstellte. Muss man sehen. Es sind selbstverständlich nicht die Juden, sondern nur ein Haufen Rechtsradikaler, die freilich wie alle Rechtsradikalen beanspruchen, für alle zu sprechen, so in Richtung mythische Volksseele. Mit dem ebenfalls für Rechtsradikale typischen Tyrannisieren der eigenen Leute als als ‚Volksschädlinge‘, ‚Entartete‘ und was für nette Worte es da noch gibt, haben sie ja bereits angefangen, etwa, wenn sie Frauen angreifen, die sich vorne in den Bus setzen wollen oder auch jüdische Kritiker schon mal als Antisemiten verprügeln. Insofern ist es in der Tat dringend Sache der Israelis zu überlegen, wo sie in Zukunft hin wollen – und welchen Wert sie auf den Erhalt des Staates Israel legen.

Der Fraser-Prozess

Ein kleiner Prozess vor einem britischen Arbeitsgericht schlug vergleichsweise hohe Wellen.

Der Mathematik-Dozent Fraser, ein seit Jahren engagierter Kämpfer für Israel, hatte die größte britische Akademikergewerkschaft UCU verklagt: wegen angeblichem Rassismus. Der natürlich auch in Großbritannien nicht geduldet wird. Begründung: in der israel-kritischen UCU habe sich institutioneller Antisemitismus etabliert und dadurch würden alle britischen Juden diskriminiert, denn, so das dahinter stehende Dogma, zu einem Juden gehöre es, Israel zu lieben und das gehöre zu seiner jüdischen Identität.  Ein nicht ungefährliches Dogma, spricht es doch den Juden, die Israel nicht lieben – und so wenige sind das gar nicht – ab, Juden zu sein. Oder erklärt sie, was ja bei prominenten jüdischen Israelkritikern nicht so selten vor kommt, für psychisch krank.

In diesem Falle waren es immerhin 50 jüdische Mitglieder der UCU, die per Unterschriftenliste die Angriffe Frasers gegen ihre Gewerkschaft zurück wiesen.

Das Gericht entschied: „Der Glaube an das zionistische Projekt oder Israel anzuhängen oder ein ähnliches Gefühl kann nicht auf ein geschütztes Merkmal hinaus laufen. Es ist nicht per se Teil des Judentums.“ Und an die Adresse Frasers gerichtet,
er müsse seinen fairen Anteil an kleineren Verletzungen akzeptieren, denn ein politischer Aktivist akzeptiere die Gefahr, gelegentlich beleidigt oder verletzt zu werden. Zudem bescheinigte das Gericht Fraser eine besorgniserregende Missachtung von Pluralismus, Toleranz und Meinungsfreiheit. Eine größere Klatsche, meint auch Ha’aretz, hätte man ihm wohl kaum verpassen können. Was Grund gewesen sein dürfte, dass Fraser und seine Anhänger es vorzogen, es bei diesem Urteil  zu belassen und keine Revision einzulegen.

(Siehe auch: http://www.haaretz.com/news/national/british-jewry-in-turmoil-after-tribunal-blasts-pro-israel-activist-for-bringing-harassment-case.premium-1.514173)

Die Klatsche ist redlich verdient, hat doch Fraser nichts anderes versucht, als die totalitäre Ideologie, der er anhängt, per Gerichtsentscheid für ganz Großbritannien verbindlich zu machen. Was natürlich jeder Verfassung, in der die Meinungsfreiheit verankert ist, Hohn spricht.

Gemeint ist die Groß-Israel-Ideologie, deren Spielarten von der Einverleibung ganz Palästinas bis hin zur Herrschaft Israels bis zum Euphrat reichen; doch, Leute, die das beanspruchen, gibt es, und alles begründet mit passend ausgesuchten Teilen aus der Thora; ein alt hergebrachtes Verfahren, haben doch vor knapp 2.000 Jahren frühe Christen das gleiche getan, um Jesus als den verheißenen Messias erscheinen zu lassen. Was freilich die jüdischen Schriftgelehrten nicht überzeugen konnte.

Die Groß-Israel-Ideologie ist selbstverständlich nicht gleichzusetzen mit dem Judentum. Aber, und das sollte man nicht übersehen, sie ist auch nicht gleichzusetzen mit dem Zionismus. Denn, wie in einschlägigen Quellen, z.B. auch Wikipedia, nachzulesen, hatte sie zu Beginn des „zionistischen Projekts“ gerade mal 20 % Anhänger. Zur politisch beherrschenden Ideologie in Israel wurde sie tatsächlich erst mit der Ermordung Rabins durch einen ihrer Anhänger und es spricht nichts dafür, dass selbst die Mehrheit der israelischen Staatsbürger sich zu ihr bekennt; die Wahrscheinlichkeit spricht eher dagegen, denn Mehrheitsmeinung waren totalitäre Ideologien noch nie in einem Staat, noch nicht einmal der Nationalsozialismus in Deutschland. Denn die Mehrheit der Bürger eines Staates lässt nun mal den Kaiser einen guten Mann sein und kümmert sich nur um ihre eigenen Privatangelegenheiten, sofern des Kaisers Herrschaft nicht zu drückend wird. Zustimmung zu des Kaiser Weltanschauung lässt sich daraus jedoch nicht schließen.

Genau das, nämlich, dass das ganze Volk dieser Ideologie zustimme, beanspruchen aber totalitäre Ideologen. Wer ihr nicht zustimmt, wird exkludiert, gilt als Volksfeind, Verräter, Entarteter, Kranker, wird schlichtweg ausgebürgert. Unabhängig davon, ob diese Ideologie nun staatliche Macht hat oder nicht. Ob bei heutigen Nazis, früherer RAF, tatsächlich ausgebürgerten DDR-Bürgern oder bei Scientology, das Phänomen ist stets das gleiche. Das gleiche ist es auch, wenn Fraser die Führung des britischen Judentums dazu aufruft, eine Antisemitismus-Definition zu etablieren, die den Glauben an den Zionismus und die Hingebung an Israel in das Judentum integriert; die Kehrseite ist nämlich, dass, wer diesen Glauben nicht teilt, dann nicht mehr als richtiger Jude anzuerkennen und aus dem Judentum quasi auszubürgern ist. Was dann auf einen nicht geringen Teil insbesondere der US-amerikanischen Juden zutreffen dürfte. Dass damit auch alle nicht-jüdischen Israeli de facto aus Israel ausgebürgert werden, sofern sich dieser als jüdischer Staat versteht, was bei den Groß-Israel-Ideologen der Fall ist, ist die logische Konsequenz.

Totalitäre Ideologien sind irrational. Sie basieren nicht auf vernünftigen Argumenten oder gar wissenschaftlichen Grundlagen, sondern auf Glaube und Gefühl. Schlicht und einfach gesagt: wer einer solchen Ideologie anhängt, will seinen egoistischen Willen ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen – gegen alle vernünftigen Argumente. Letztlich sogar gegen Argumente, die eigentlich in seinem eigenen, wohlverstandenen Interesse liegen. Ein selbstzerstörerisches Element haftet solchen Ideologien an.  Selbst irrational, sind sie auch nicht in der Lage, sich dem rationalen Diskurs zu stellen. Dem begegnen sie vielmehr mit dem immer gleichen irrationalen Argument: Hass. Ein Postulat: wer mir nicht zustimmt, tut das nicht, weil er dafür vernünftige Gründe hat, sondern weil er mich hasst. Alle, die mir nicht zustimmen, hassen mich, und deswegen kann und muss ich sie bekämpfen, das ist Notwehr. Klingt verrückt, wird aber geglaubt. Und hat eher mehr denn weniger mörderische Konsequenzen.

Welcher Natur dieser Hass ist, wird der am leichtesten erkennen, der schon mal mit insbesondere evangelikalen Missionierungsbemühungen traktiert wurde. Die nämlich trachten notorisch danach, ihre Opfer vom üblen Hass durch Bekehrung zu erlösen. Dem allerdings meist ein Hindernis entgegen steht: die Opfer hegen gar keinen Hass, von daher sind sie, was das betrifft, auch gar nicht erlösungsbedürftig. Woraus sich messerscharf schließen lässt: diejenigen, die ein notorisches Hass-Problem haben, sind nicht die Opfer der Missionierungswut, sondern die Missionierenden selber. Der eigene Hass wird auf den anderen projiziert.

Hass ist ein Schlüsselwort, geradezu ein Indikator für totalitäre Ideologien. Wo immer es uns begegnet, sollten wir aufmerken: Achtung, hier hat sich jemand von der Vernunft verabschiedet, hier haben wir eine nur auf blindem, fanatischem Glauben basierende Ideologie vor uns. Dabei ist es völlig egal, ob im Folgenden über Friede, Freude, Eierkuchen und die Liebe unter den Menschen schwadroniert wird: die Basis ist Hass, und das ist nicht der Hass, der auf andere projiziert wird, sondern der ureigene Hass derjenigen, die ihre Ideologie darstellen oder gar für sie zu missionieren trachten.

Letztlich ist es allerdings weiter nichts anderes, als das gute alte ad hominem Argument derjenigen, die keine vernünftigen Argumente mehr haben.
(26.06.2013)