Die Reaktionen der anderen Seite

Drawing Muslim JewsDie andere Seite – das sind die Nicht-Europäer, vor allem die Menschen in Nah-/Mittelost und Afrika.

Nein, die andere Seite sind nicht IS oder el-Qaeda. Es ist absolut lächerlich, das auch nur zu denken. Denn man kennt die bestens in Nah-/Mittelost und auch in Afrika. Will man hier wirklich annehmen, den Menschen in dieser Region sei es egal, wenn man ihre Mütter, Väter, Brüder und Schwestern, ihre Kinder auf dem Markt in die Luft sprengt? Ihre Mädchen entführt und zwangsverheiratet, ihren jungen, fleißigen, bestens ausgebildeten Frauen Berufsverbot erteilt? Ihre Söhne in’s Gefängnis wirft, auspeitscht, köpft? Das gar noch gut findet und unterstützt? Was ist es für ein Affront, Muslime, die in erster Linie Opfer dieser militanten Islamisten sind, unter den Verdacht zu stellen, sie würden ihren Mördern Handreichungen leisten!

Sending love
„Sending love“

Gerade sie verstehen sehr gut, was es heißt, von Attentaten unmittelbar betroffen zu sein, von Toten, von dem Angriff auf eine freiheitswillige Gesellschaft und ihren Staat. Es dauerte nur wenige Stunden, da ging diese Zeichnung als Reaktion um die Welt und der palästinensische Abgeordnete Mustafa Barghouti verbreitete noch am 7. Januar, dem Tag des Attentats, „Die Palästinenser sind geschockt, wütend und verdammen den schrecklichen Angriff auf französische Journalisten, die Gedanken sind bei ihren Familien.“

Doch die Stimmung hat sich geändert. Nicht, was Attentat und Attentäter und auch das Mitgefühl mit den Familien betrifft. Wohl aber, was die wieder allzu offenbar gewordene schreiende Ungerechtigkeit Europas betrifft, seine schon die Grenze zur Lüge überschreitende Bigotterie, seine Selbstgefälligkeit. Europa verteidigt die Menschenrechte? Auch die derjenigen, die im Mittelmeer ertrinken? Auch die der Kinder, die, während der Schneesturm am südlichen Rand des Mittelmeers tobte, in diesen Zelten leben müssen? Die die Kinder in Gaza dank Israels Verweigerung, die Grenzen zu öffnen, oft  noch nicht mal haben?

SZ Karikatur
Mohr erklärte, er habe „eine überspitzte Zeichnung Mark Zuckerbergs in Kombination mit der Krake aus dem Film ‚Fluch der Karibik‘ dargestellt“.

Am meisten empörte jedoch das bigotte Bekenntnis zur Meinungsfreiheit. Dass es damit tatsächlich nicht weit her ist, weiß jeder, der sich irgend wann einmal wissentlich oder unwissentlich über Juden lustig gemacht oder gar Israel kritisiert hatte. Beispielhaft hierfür die angeblich antisemitischen Karikaturen der Süddeutschen Zeitung. Ein absurder Vorwurf, wie auch SPON berichtete. Die Angriffe, vor allem von Seiten des berüchtigten Simon-Wiesenthal-Zentrums, führten dazu, dass die SZ umgehend zu Kreuze kroch – wenn von Selbstzensur und Schere im Kopf die Rede ist, sollte man vorrangig an so was denken. Manchen sich links nennenden Israel-Fanatikern gilt es sogar bereits als antisemitisch, wenn man das internationale Finanzkapital angreift; denn angeblich habe man dabei nichts anderes im Kopf, als eine Hand voll jüdischer Akteure. Wird Zeit, hier einmal Aluhüte zu  verteilen. Man kann davon ausgehen, dass Vertreter des internationalen Finanzkapitals gegen eine derartig absurde Immunisierung gegen Kritik nichts einzuwenden haben; wobei man freilich nicht übersehen sollte, dass hierzu vorrangig auch die der Deutschen Bank gehören.

Breivik
„Erinnert sich wer daran, wie die Medien eine große Sache daraus machten, dass er ein Christ ist? Nein? Ich auch nicht.“

„Der demonstrative Schrei für freie Rede ist edel, aber heuchlerisch“ titelt die londoner Schauspielerin und Fotografin Alexandra Chaloux in ihrem lesenswerten Blogpost auf der britischen Huffington Post. Mag es missverstandene Solidarität mit den Opfern des Attentats sein, aber die Stimmen, die sich gegen diese Heuchelei wenden, sind doch recht leise. Dass eine gewisse Unterwürfigkeit wohl die Ursache sein dürfte, eine Selbstzensur, freilich in anderer Richtung, zeigt die ebenso leise Reaktion auf die Weigerung der meisten renommierten internationalen Medien der USA, die Karikaturen aus Charlie Hebdo abzudrucken, hier in einem Reuters-Artikel erklärt. Was soll man dazu auch sagen? Selbstzensur aus Angst ist es ja nicht, wenn argumentiert wird, das Zeigen dieser Karikaturen sei respektlos und die Entscheidung, sie nicht abzudrucken, letztlich eine Frage von Manieren.

Journalisten in Gaza getötet
„Wo waren die ‚Freiheit der Rede‘-Leute, als 17 Journalisten 2014 in Gaza von Israel abgeschlachtet wurden?“

Das Netz reagierte auf diese Bigotterie mit Gegenüberstellungen: „Konservative Christen nennen extremistische Christen rechtsradikale Bekloppte. Aber ein muslimischer Extremist ist ein muslimischer Terrorist. Entweder beide gleich oder gar nicht“. In der Tat hatte auch Breivik sich selbst als einen christlichen Soldaten bezeichnet und dieser (übersetzte) Tweet zeigt genau das Problem: jeder Moslem, der sich schlecht benimmt oder gar straffällig wird, wird automatisch mit allen Muslimen gleich gesetzt. Und auch das hat eine Parallele in der Judenverfolgung: was immer an einem jüdischen Individuum negativ auffiel, ob Selbstsucht, Schmuddeligkeit, krimineller Wucher oder gar ein Attentat, wurde als Eigenschaft allen Juden zugeschrieben.  „Wenn John einen Menschen tötet, wird John die Schuld gegeben. Aber wenn Ali einen Menschen tötet, wird dem Islam die Schuld Greenwaldgegeben?“ Ja, es ist das alte Muster. Es wäre dringend an der Zeit, dass das Abendland das mal als eine weniger erfreuliche offenkundige Spezialität seiner Kultur untersucht. Denn dieses fast schon wie eine fixe Idee erscheinende Vorurteil kann Murdochwahrhaft absurde Blüten treiben, wie auch Glenn Greenwald feststellte. Denn da stieß CNN’s Nachrichten-Moderator Don Lemon den Menschenrechts-Aktivisten und Anwalt Arsalan Iftikhar, der zuvor ausführlich dargelegt hatte, dass und warum das Attentat von Paris auch aus Sicht des Islam nicht zu rechtfertigender Mord sei, mit der Frage vor den Kopf, ob Iftikhar ISIS unterstütze. Was ebenso auf ein weit verbreitetes Phänomen weist: Muslime können sich von extremistischen Terroristen so oft distanzieren, wie sie wollen – es wird einfach nicht zur Kenntnis genommen. Als ob die Islamophoben dafür taub wären. Jüngstes Beispiel: der Zeitungsmogul Ruppert Murdoch.

Titel 2
„Boko Harams Sexsklavinnen sind wütend: Hände weg von unserer Sozialkasse!“ (Anspielung auf Schwangerschaften, um Transferleistungen zu erhalten)

Man möge sich nicht vertun. Die Kritik an der Bigotterie des Abendlandes, speziell Europas, beschränkt sich nicht auf Palästina, Irak, Syrien. Schon der Umstand, dass einer der Attentäter aus dem am Südrand der Sahara gelegenen Mali stammt, weist auch auf andere Regionen. Aus Schwarzafrika kam die Kritik an dort als klar rassistisch empfundenen Karikaturen des Charlie Hebdo, woran auch teilweise schwer um die Ecke denkende Rechtfertigungsversuche nichts ändern können. Damit wird natürlich nicht das Attentat relativiert. Wohl aber die Selbstidentifizierung mit Charlie Hebdo mit dem Satz „Je suis Charlie“ – verständlich für die Franzosen, doch unterstelle ich, dass ein Großteil derer, die sich unter diesen Satz stellen, von Charlie Hebdo’s Publikationen nicht die geringste Ahnung haben. Das übrigens mit einer Auflage von nur 30.000 nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe war, denn auch der wegen angeblichen Antisemitismus gefeuerte Zeichner Sine hatte bei seiner Neugründung einiges an Lesern mit genommen. Man muss wohl nicht weiter erwähnen, dass Charlie Hebdo in diesem Falle Sines Berufung auf die Meinungsfreiheit nicht weiter  zur Kenntnis nahm.

Algerienkrieg
Französische Algerienkrieger präsentieren Köpfe getöteter Algerier

Algerier gruben alte Fotos aus dem Algerienkrieg (1954-1962) aus, und die sind durchaus nicht uninteressant, zeigen sie doch, dass die Greueltaten von IS keineswegs ein Rückfall in das Mittelalter sind, denn dieses hier liegt gerade mal gut 50 Jahre zurück und auch Abu Ghoreib und die Drohnenmorde ohne Rücksicht auf zivile Opfer zeigen, dass das Mittelalter, wenn wir denn davon sprechen wollen, auch im Abendland nicht so lange vergangen, wie man sich erträumt, vermutlich sogar hier genau so präsent ist, wie bei den islamistischen Extremisten.

Charlie Hebdo bezeichnete sich selbst als Anhänger des schlechten Geschmacks. Nun gut. Mit einer Satirezeitschrift, die schlechten Geschmack verbreitet, kann auch die große Mehrheit der Muslime leben; sie müssen es ja nicht lesen. Das ist nicht der Stein des Anstoßes. Es ist die Einseitigkeit, die empört. Dass Freiheit, Demokratie, Recht und Gerechtigkeit, Meinungsfreiheit bis hin zum Recht auf Leben nur für eine Seite der Menschheit gelten, ganz in der Tradition des britischen puritanischen Diktators Oliver Cromwell, der die Demokratie entschieden verteidigte, allerdings nur die der Puritaner, denn nur die Puritaner galten den Puritanern als Heilige und nur Heilige konnten über die Welt entscheiden. Die katholischen Iren wussten, was das heißt, denn sie wurden von den heiligen Puritanern hingeschlachtet.

Deswegen mit dem Anspruch der Redefreiheit für die ganze Welt zum Abschluss zwei  gleichermaßen geschmacklose Karikaturen:

Koran ist Scheiße
„Der Koran / Charlie Hebdo ist Scheiße. Er hält die Kugeln nicht ab.“

Der Kalif von Bagdad

Kuffar disgracedAm 02. November 2014 gab IS ein neues Video heraus. Da ich immer sehr dafür bin, sich aus Originalquellen zu informieren (und da man auch nicht weiß, wie lange das Video noch im Netz bleiben wird), habe ich hier eine Zusammenfassung mit dem vollständigen englischen Text und dazu gehörigen Screenshots gebaut, versehen mit einigen Kommentaren, wenn vielleicht nicht immer alles auffällig und manches auch nicht weiß, wer nicht Spezialist ist.

Meist habe ich mir aber gedacht, dass Bild und Text gemeinsam für sich selbst sprechen.

IS Video 02.11.2014

(Idealerweise geht man natürlich auf „Bildschirmpräsentation“)

 

Update 03.11.2014

Uni MossulOffenbar hat IS eine ’staatstragende‘ Propagandaoffensive begonnen. U.a. mit diesem Foto wollen sie beweisen, dass bei ihnen auch Frauen, wenn auch strikt nach Geschlechtern getrennt, studieren dürfen. Dieses Foto soll Studenten an der Universität Mossul unter dem IS darstellen, die schwarz verhüllten Gestalten im Hintergrund sollen wohl Frauen sein.

Ich glaube übrigens nicht, dass der Westen IS vernichtend schlagen kann. Man wird sich mit ihm einrichten und leben müssen.

Es sollte allerdings möglich sein, ihn mit entsprechendem Druck ein bisschen menschenfreundlicher zu machen. Illusorisch ist das nicht, denn sie wollen einen richtigen Staat etablieren und dazu braucht man nun mal Verhandlunge- und Vertragspartner.

Is wird damit rechnen, dass die Europäer sich Zugeständnisse – wie übliche – abkaufen lassen; ein recht übel beleumdetes Verfahren. Den Staaten am arabischen Golf wirft man seit Jahrzehnten vor, sich alles mit Ölgeld erkaufen zu wollen.Wir werden nicht in Achtung und Respekt steigen, wenn wir in Sachen Menschenrechte locker lassen.

 

 Update 05.11.2014

Die Washington Post hat hier einen interessanten Bericht über die quasi Gründung des Islamischen Staates im US-amerikanischen Gefangenenlager Camp Bucca, in dem auch el-Baghdadi einige Jahre einsaß. Hier trafen nationalistische Islamisten mit Saddam-Hussein-Anhängern zusammen, vor allem mit solchen, die Kampfkraft und militärische Erfahrung hatten, und vereinigten sich.

Die in der Präsentation angesprochene private Beute scheint bei IS Praxis zu sein. Wie gleich der erste Teil dieses Berichts der BBC aus Mossul mitteilt, wurden in Mossul Häuser von Christen und Yeziden nicht nur geplündert, sondern auch ganz in Besitz genommen. Während christliche und yezidische Frauen und Mädchen offenbar fay‘ sind, also staatliche Beute zugunsten der Kriegskasse. Preislisten, die im Netz kursieren, angeblich IS-Accounts entstammend, weisen darauf hin.

Verlogene Nazijäger

Jetzt, nach dem Marsch rechtsradikaler Randalierer und Hooligans vom Hauptbahnhof zum Ebertplatz und zurück in Köln .- nein, das war kein Marsch durch Köln – schreien sie herum, die Antideutschen und Israel-Lobbyisten, dass man sie nicht genug Nazis habe jagen lassen. Es schreien die Böcke, dass man sie nicht genug habe Gärtnern lassen. Es schreien die, die sorgfältig den Boden mit beackert haben, auf dem diese Saat nun aufging. Es schreien die, die ein Riesentheater abzogen ob des angeblichen Antisemitismus der Migranten und Pro-Palästinenser, die sich in weiß Gott verständlichem Zorn auf Demonstrationen gegen das israelische Massaker in Gaza wandten. Eine einzige zweifelhafte Aussage auf einer Demonstration genügte ihnen, um kaum verhüllt ein Verbot aller solcher Demonstrationen zu verlangen.

Break glass &% shout antisemitism (2)„In Ihre sachliche Zuständigkeit, Herr Senator, fallen die Genehmigung der Demonstration, deren Umstände und Inhalt vorhersehbar waren, und die Untätigkeit der Polizei. Sie sind damit für einen solchen Exzess politisch verantwortlich. Aber nicht ein Wort des Bedauerns, der Entschuldigung, der Bitte um Vergebung gegenüber dem Botschafter Israels in Berlin, gegenüber den Juden in Deutschland und in aller Welt … Sie haben durch Nichtstun und Schweigen dem Ansehen Deutschlands einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zugefügt. Die Strafanzeige des American Jewish Committee zeigt, dass der Vorfall längst internationale Dimensionen angenommen hat. „ ,

schrieb Dr. Jürgen Sudhoff, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes a.D. in einem offenen Brief im Berliner Tagesspiegel (es gibt so Leute in Deutschland die meinen, wenn irgend eine noch so obskure zionistische Organisation jammert, müsse man sich gleich in den Staub werfen).

Nein, dies war keineswegs eine Demonstration nur gegen Salafisten. Es war eine Demonstration gegen Muslime, ja, teilweise gegen Ausländer generell. Das bezeugt nicht nur, dass der Anmelder ein Funktionär der notorisch islamophoben rechtsradikalen Pro’ler war, sondern auch Jagdszenen auf Ausländer in den abfahrenden Zügen, von denen der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete.

Foley Netanyahu (2)
Nach internationalen Protesten gelöschter Tweet von Netanyahus offiziellem Account, der die Enthauptung Foleys für israelische Propaganda missbraucht

Es gibt genügend Beispiele für antiislamische Hetze durch Israel-Lobby, Antideutsche und evangelikale US-Fundamentalisten, dass man in die Vollen greifen und jeden Tag was Neues vorstellen kann, welches das längst Bekannte repräsentiert. Hier pars pro toto ein Beispiel von Netanyahu selbst, in dem vorbildlich das getan wird, was auch die Hooligans von Köln taten. Die gewalttätige Terrororganisation IS wird von der weit überwiegenden Mehrheit der Muslime,  eingeschlossen ihrer obersten theologischen Autoritäten, der Professoren von el-Azhar, nicht nur verurteilt, sondern auch bekämpft. Was sehr wörtlich zu nehmen ist, nicht nur in Syrien. Nichts desto trotz setzt die israelische Propaganda sie mal eben gleich mit Hamas; die sind weiß Gott keine Chorknaben, aber Muslimbruderschaft und die ist stockkonservativ, aber eben nicht IS. Wie man sie kennt, wohl ein Versuch der israelischen Propaganda, ob sich damit nicht das Bombenmassaker von Gaza rechtfertigen ließe: wenn die USA IS mit Bomben platt mache, dann dürfte das Israel mit der Zivilbevölkerung in Gaza ja wohl auch.

Israelnazis (2)
Israelische Nazis auf einer Demonstration gegen israellische Linke im Sommer2014

Aber dabei bleibt’s ja noch nicht mal. Wer Gazas Bevölkerung gegen Israel verteidigt, muss sich auch noch  gefallen lassen, selbst als Hamas-Anhänger bezeichnet zu werden.  Auch ich – und zwar ausgerechnet vom eigentlich als seriös geltenden FAZ-Blogger Don Alphonso. Wenn es um Israel geht, setzt anscheinend bei einigen der Verstand aus. Dass ohnehin so gut wie jeder, der in diesem Konflikt auf der Seite Palästinas steht, schon mal Antisemit tituliert wurde, darf als bekannt voraus gesetzt werden. Inzwischen hat man sich daran gewöhnt.

Kind im Fadenkreuz (2)
Solche T-Shirts wurden in Israel immer wieder gesehen, auch mit Schwangerer im Fadenkreuz, Aufschrift: „Ein Schuss, zwei Treffer“.

Antisemitismus ist böse, Islamophobie ist gut, so die einfache Logik für schlichte rechtsradikale Gemüter, eine Saat, die schon bei Breivik aufgegangen ist. Man muss sich nur mit aller Entschiedenheit zu Israel bekennen, dann darf man seinem rechtsextremen Fremdenhass freien Lauf lassen und Ausländer prügeln, denn darum geht’s letztendlich. IS = Hamas = Pro-Palästina = Islam, also druff. Auch, wenn es die eigenen Leute sind. Von der alten Parole „Unsere Polizisten schützen die Faschisten“ bis zu „Unsere Polizisten schützen die Islamisten“ ist der Weg nicht weit, also ist es auch ein gutes Werk, sich zum Wohle des deutschen Volkes mit seiner Polizei zu prügeln.

Kach Fußballclub (2)
Hooligans in einem israelischen Fußballstadion mit dem Symbol der rechtsextremen Kahanisten, das auch die Jewish Defense League in Deutschland unbeanstandet verwendet

Ist es Blauäugigkeit oder Perfidie, die die antideutsche Linksextreme bewegt, demonstrativ gegen den antiislamischen Rechtsextremismus zu protestieren, den ihr heiliges Israel  entfacht hat, woran sie selbst sich fleißig beteiligten? Und sich dann womöglich noch wegen des angeblichen notorischen deutschen Hanges zum Nationalsozialimus echauffieren, aber die rechtsextremen Brüder der Hooligans in Israel ignorieren? Gar auch noch Verständnis für sie zeigen, wie das ehemalige Mitglied des Bundesvorstands der Piratenpartei Julia Schramm, die als Folge der Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg wegen des „unerhörten Antisemitismus“ die in den USA und Israel als militante Terrororganisation eingestufte JDL für legitim hielt?

Nein, dafür habe ich kein Verständnis.
Und ich würde es auch vorziehen, bei Demonstrationen gegen islamophobe Rechtsradikale keine Israel-Fahnen mehr zu sehen. Zu weit sollte man Heuchelei nicht treiben.
Sie sollten erst mal vor ihrer eigenen Tür kehren.

28.04.2014: Palästina – der Ausblick

Seit meinem Abriss über den Stand der Palästina-Verhandlungen vom 23.04.2014 kristallisiert sich nun überraschend schnell die Richtung heraus, die in Sachen Palästina-Konflikt  sowohl von den USA als auch von Europa eingeschlagen wird.

Laut Ha’aretz von heute hat nunmehr der US-Sondergesandte und Unterhändler Martin Indyk Israel verlassen, wo er sich in den letzten Monaten meist aufgehalten hatte; Rückkehr unbekannt. Damit dürfte das Kapitel Verhandlungen aus Sicht der USA, speziell von Kerry, abgeschlossen sein. Der begibt sich dann auch zum avisierten Termin eines möglichen Rahmenabkommens, dem 29. April 2014, auf Reise nach Afrika.

Derweil arbeitet Palästina an einer „Technokraten-Regierung“, die die international gestellten Bedingungen für Unterstützung im Friedensprozess erfüllt: Anerkennung Israels, Absage an Gewalt und Anerkennng vorheriger Abmachungen, damit dürften insbesondere die der UNO gemeint sein, bei denen freilich eher deren Anerkennung durch Israel das Problem ist.  Hier rechne ich damit, dass sich die Barghouti-Linie durchsetzt, die, da Marwan Barghouti immer noch in israelischem Gefängnis sitzt, von Mustafa Barghouti vertreten wird. Sein Widerstand ist jung, modern und friedlich. Er ist nicht, wie es bewaffneter Widerstand üblicherweise ist, konspirativ, muss sich also nicht verstecken und kann entsprechend für Publizität sorgen. Es haben sich also auch die Palästinenser auf das Internet-Zeitalter eingestellt.  Dieser Widerstand findet sich beispielhaft in der Wiederbesiedlung des alten, entvölkerten Kirchendorfes Ein Hijleh, aber auch in den wöchentlichen Demonstrationen von Nabi Saleh. Eine sehr erfolgreiche Art des Widerstandes, denn Israel, insbesondere sowohl die IDF als auch die Siedler, sehen dabei gar nicht gut aus.

Auf der anderen Seite gehört Mustafa Barghouti auch mit zu den Architekten des erwarteten Abkommens mit Gaza, quasi der Wiedervereinigung, das in ca. 4 Wochen geschlossen werden soll. Auch das ist etwas, was Israel überhaupt nicht in den Kram passt und was es mit Hinweis auf die Hamas zu torpedieren trachtete; sieht allerdings nicht danach aus, als ob ihm das gelingt, es könnte vielmehr zu einem Rohrkrepierer werden. Denn zu Palästina gehört Gaza und seine Bevölkerung selbstverständlich hinzu und das sind immerhin gut 1,7 Millionen Menschen, die Israel wohl lieber samt Gaza-Streifen an Ägypten los geworden wäre. Im Gegensatz zu vielen Palästinensern gehe ich weiterhin davon aus, dass mit der Sperrung des Grenzüberganges Rafah vom Gaza-Streifen nach Ägypten und der Zerstörung der Tunnel zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen wurden: es diente nicht nur der Absage an die Verwandtschaft von Ägyptens Moslembruderschaft, der Hamas, sondern gleichzeitig der Absage an Israel, die Verantwortung für den durch hermetische Abriegelung besetzten Gaza-Streifen  stiekum Ägypten zu überlassen.

Ich würde mal davon ausgehen, dass diese Linie, gewaltfreier Widerstand und Wiedervereinigung  mit Gaza, von der überwiegenden Mehrheit der Palästinenser unterstützt wird. Gerade auch  von der Bevölkerung von Gaza: ihre Feier der Ankündigung eines solchen Abkommens zeigte das recht deutlich. Hamas-Land Gaza ist längst zu einem unglaubwürdigen Popanz geworden. Dass die Mehrheit der Bevölkerung mit dem Islamismus genau so wenig im Sinn hat, wie die Mehrheit überall im islamischen Raum, pfeifen die Spatzen von den Dächern und dass es in einem Landstrich mit dermaßen unterdrückter und gefangen gehaltener Bevölkerung immer genug Leute geben wird, die immer wieder mal eine selbst gebastelte Rakete über die Sperrmauer schicken, sagt einem der gesunde Menschenverstand. Dazu bedarf es keiner zentralen militanten Organisation.
Und die Wiedervereinigung wird eine Vereinigung unter Regierungschef Abbas sein. Ich wage zu behaupten, dass die alte Hamas-Linie damit tot sein wird.

Es ist ziemlich sicher, dass Abbas die oben erwähnten Bedingungen erfüllen wird. Die Anerkennung des Holocausts als schwerstes Verbrechen der Neuzeit pünktlich zum Holocaust-Gedenktag ist dafür ein klares Signal. Das reißt allerdings keinen Palästinenser vom Hocker. Die weit überwiegende Mehrheit hat das  Verbrechen Holocaust lange schon anerkannt, fragt allerdings, was sie, die Palästinenser damit zu tun hätten, dass sie es nun ausbaden müssten.

Da dies also ziemlich sicher ist, ist auch die Ankündigung ernst zu nehmen, dass der Spieß nunmehr umgedreht wird: er ist zu erwarten, dass Israel dann sowohl von den USA als auch von der EU unter heftigen Druck kommt. Ashton hat bereits die Bildung einer Einheitsregierung für ganz Palästina, einschließlich Gaza, begrüßt und angekündigt, dass die EU von Israel Kooperation mit dieser Regierung verlangt. Eine Kooperation, die mit den Rechtsradikalen in Israel nicht zu machen sein wird. So verkündete ihr Wirtschaftsminister Bennett bereits, er trete dafür ein, Zone C der West Bank, die 60 % des palästinensischen Staatsgebietes umfasst, zu annektieren, und dem Rest verstärkte Autonomie zuzubilligen. Autonomie wohlgemerkt. Von Staat spricht er nicht, verfolgt also ganz klar die Idee von Homelands à la Südafrika.

Herausgegeben wurde diese große politische Linie wohl von Kerry letzten Freitag in einem Treffen mit ungenannten „Führenden in den Welt“ hinter verschlossenen Türen, über das Daily Beast gestern berichtete. Es ist eine klare Absage an die Pläne der Rechtsradikalen: entweder saubere Zweistaaten-Lösung, oder Israel wird ein Apartheidstaat werden (was die Weltgemeinschaft nicht akzeptieren wird) mit dem Ergebnis des Scheiterns der Idee Staat Israel.

Angesichts der Tatsache, dass das, was für Israel zum endgültigen Scheitern der Gespräche führte, nämlich das avisierte Wiedervereinigungsabkommen mit Gaza, von Ashton begrüßt wurde und außer der doch recht weit her geholten Beschwerde über Abbas Anträge auf Mitgliedschaft in 15 UNO-Organisationen (wer könnte ernsthaft Einwände erheben, wenn jemand solche Mitgliedschaft beantragt, über die die UNO entscheidet) keine konkreten Beschwerden über die palästinensische Seite zu vernehmen sind, muss es als diplomatische Floskel angesehen werden, wenn auch Palästina Schuld am Scheitern der Gespräche zugeschrieben wird.  Das lässt aufmerken bei Kerrys Überlegung, ein Führungswechsel bei den Palästinensern oder den Israelis könnte einem Friedensabkommen förderlich sein. Der Führungswechsel bei den Palästinensern wäre wohl hin zu  Marwan Barghouti, dessen Nichtfreilassung das Scheitern der Verhandlungen einleitete. Und Israel? Nun, es ist jedem nüchtern-kritischen Beobachter klar, dass Rechtsradikale nichts in Regierungen zu suchen haben und Bennett und Lieberman werden sowohl außerhalb  als auch innerhalb Israels immer wieder als rechtsradikal bezeichnet; zu Recht. Ebenso wie die derzeit nicht mehr kontrollierbaren Siedler, die frech und öffentlich nicht nur die Annektion Palästinas, sondern auch noch Jewish Supremacy vertreten, also genau das, was man einst den Juden perfiderweise in diversen  Verschwörungstheorien unterstellte. Muss man sehen. Es sind selbstverständlich nicht die Juden, sondern nur ein Haufen Rechtsradikaler, die freilich wie alle Rechtsradikalen beanspruchen, für alle zu sprechen, so in Richtung mythische Volksseele. Mit dem ebenfalls für Rechtsradikale typischen Tyrannisieren der eigenen Leute als als ‚Volksschädlinge‘, ‚Entartete‘ und was für nette Worte es da noch gibt, haben sie ja bereits angefangen, etwa, wenn sie Frauen angreifen, die sich vorne in den Bus setzen wollen oder auch jüdische Kritiker schon mal als Antisemiten verprügeln. Insofern ist es in der Tat dringend Sache der Israelis zu überlegen, wo sie in Zukunft hin wollen – und welchen Wert sie auf den Erhalt des Staates Israel legen.