Zur Ukraine

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Staatsflagge der Ukraine

Ich habe zur Ukraine bisher keine Stellungnahme abgegeben, weil ich mir zu unsicher war. Insbesondere das Propagandabombardement der Russland-Freunde ließ mich jede Meldung drei Mal umdrehen und auf Beweise prüfen. Prüfungen, deren Ergebnis in der Regel nicht eindeutig war.

Nun aber kann ich es verantworten die Empfehlung abzugeben, im Konflikt die Partei der Ukrainer nicht zu unterstützen. Damit empfehle ich keineswegs, die Separatisten zu unterstützen. Vielmehr empfehle ich, sich auf die Seite zu stellen, auf der ich mich stets bemühe zu stehen: der Seite des Volkes. Und sich von den beliebten und nur scheinbar professionellen strategischen Überlegungen fern zu halten, deren Protagonisten auf Landkarten Grenzen nachziehen und die mit Interesse die Schlagkraft gegnerischer Parteien abwägen und einschätzen.

Schon beim vorherigen Konflikt um die Ukraine, speziell die von der EU stets unterstützte Tymoschenko,  war es mehr als zweifelhaft, ob die Haltung der EU im Sinne der Ukrainer war. Wer sich die Mühe machte, nach „Stimmen aus dem Volk“ zu fahnden (für mich etwas schwierig, da ich zum Osten kaum Beziehungen habe), musste zum Ergebnis kommen, dass die Ukrainer wohl gegen die Inhaftierung Tymoschenkos keine großen Einwände hatten und lediglich bedauerten, dass der damalige Präsident Janukowytsch nicht die Zelle daneben bezog. Es war also davon auszugehen, dass der Konflikt, in dem Europas Politiker sich engagierten, abseits des Interesses des ukrainischen Volkes statt fand.

Was Volkes Stimme betrifft, so haben wir mit Marina Weisband jemanden, der sich sorgfältig bemüht,  Weisband Tymoschenkodiese repräsentativ heraus zu finden. Und von Sorgfalt können wir ausgehen, wenn wir mal ein wenig ihre Twittertimeline dazu verfolgen. Aus ihr können wir den Schluss ziehen: in Sachen Ukraine ist Weisband eine seriöse Informantin, die offenbar auch auf Seiten des Volkes steht, wohl wissend, dass „Volk“ nie bedeutet, dass alle einer Meinung wären und dass es viel zu einfach ist, hier pauschal nach Gut und Böse unterscheiden zu wollen. Das ist es immer, bei jedem Volk.

Ich unterstelle denen, die auf dem Euromaidan protestierten, dass sie zum Volk gehörten und ihr Protest ehrlich und seriös war. Sicherlich haben die Faschisten frühzeitig ihre Pfoten da rein gesteckt und das ist sehr bedenklich, weil Extremisten keine Mehrheiten brauchen, um Macht zu erobern; die sind skrupellos genug, das auch als Minderheit zu tun. Für die, die das vertiefen wollen, hier ein Artikel der renommierten Global Post über ukrainische Faschisten vom 02.04.2012, als also von den heutigen Ereignissen keine Rede war. Mit solchen Leuten macht man sich nicht gemein. Doch es spricht nichts dafür, dass die Mehrheit der Bürger auf dem Euromaidan sich mit ihnen gemein machen wollte. Es wird angesichts der Montagsdemonstrationen vielen nicht gefallen, aber man kann eine Bewegung nicht als braun diskreditieren, nur weil sich paar organisierte Braune lautstark und plakativ unter mischen. Sich die Sache so einfach zu machen gehört zum Bereich Propaganda, wenn nicht Hetze.

Allerdings wird der aus Erfahrung misstrauische Außenpolitiker fragen, inwieweit der aufständischen Energie nicht ein wenig nach geholfen wurde. Das geht. Nämlich über soziale Netzwerke. Hier ist der arabische Frühling Lehrmeister. Da haben sich Bürger über die sozialen Netzwerke selbst organisiert und sich eigenständig zum Aufstand zusammen gefunden. Als Teilnehmer der Revolution in Libyen in den  Medien kann ich versichern, gegen die Entschlossenheit und Eigenständigkeit der großen Mehrheit hatte kein Manipulatinswilliger eine Chance. Aber schon im zersplitterten Syrien sah das anders aus. Um ein Beispiel zu nennen: da gab es zu Beginn des Bürgerkrieges einen von Israelis betriebenen und sogar auf el-Jazeera gehosteten  Blog, der durch professionelle Militärkenntnisse bestach, eine Art Leitmedium wurde und große Zuversicht unter den Aufständischen verbreitete, Siegesmeldungen, Trefferquoten, Meldungen über insgeheim vom Westen gelieferte Waffen – glaubwürdig und wohl auch professionell gefälscht, aber nichts davon war wahr. Das macht alte Hasen wie mich mit der Zeit misstrauisch und er wurde enttarnt und flog auch von el-Jazeera runter. Aber monatelang konnte er sein Kriegstreiberwerk erfolgreich verrichten und daran sollte man denken, statt das Kind mit dem Bade auszuschütten: Chemtrail-VT’s sind die eine Sache. Doch Politik vermittels Intrigen und Massenmanipulation sind die andere und haben mit VT’s nichts zu tun. Es ist ohne weiteres möglich, dass das zweifellos in der Ukraine glimmende Feuer von außen tüchtig angefacht wurde. Angefacht aber auch von Russland, das alles getan hat, dem Maidan Nazi-Gefolgschaft zu unterstellen, was den Kampfeswillen der Separatisten erheblich gefördert haben dürfte – obgleich der Faschismus auch in Russland ganz bedenklich zunimmt.

pro-russische
pro-russische Kämpfer in Odessa (Quelle: BBC)

Erinnert sich noch jemand an Klitschko? Er wurde von Merkel zum ukrainischen Volksführer aufgebaut, Weisband Tymoschenko 2doch er versagte und wurde zum Spott des Maidan. Die Alternative Tymoschenko stinkt zum Himmel. Fazit: Deutschland hat Interesse am politischen Umsturz in der Ukraine und seine Pfoten drin – seine unbedarften. So was tut man nicht. Derlei Machenschaften sollte man rigoros ablehnen. Dabei steckt durchaus ein Körnchen vernünftige Überlegung darin: eine Revolution braucht politische Profis, Könner, um sich unter möglichst wenigen Verlusten durchzusetzen und nach dem Sieg aus dem Chaos zu führen. Wie es aussehen kann, wenn die nicht da sind, zeigt ja im Kleinen die Piratenpartei: die Sache versinkt im Chaos, weil skrupellose Extremisten Hand in Hand mit ebenso skrupellosen Karrieristen danach trachten, ihren Raibach zu machen. Aber: ein  Volk zieht nun einmal andere Qualitäten vor als eine fremde Regierung. So scheiterten Deutschlands Bemühungen auch, was paar libysche, aber auch syrische und afghanische Politikazubis betraf.  Überlassen wir so was lieber der UNO. Die exklusive Politikausbildung genehmer Leute ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch mangels Erfolg ‚rausgeschmissen Geld; dafür können dadurch schlimmstenfalls bewaffnete Konflikte provoziert werden, die es andernfalls vielleicht nicht gäbe.

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Ukrainische Kämpfer mit Fahnen vor dem Gewerkschaftshaus in Odessa (Quelle: BBC)

Nun also der Brand von Odessa. Tante BBC gab die Leitlinie vor: Brandursache ist, dass beide Seiten mit Benzinflaschen geschmissen haben. Schön, aber das dazu veröffentlichte Foto spricht auch eine Sprache. Noch deutlicher wird der Spiegel in seinem Bericht. Natürlich schaukeln Parteien sich gegenseitig hoch, auch in der Gewaltbereitschaft. Aber erwiesen ist, dass der Brand des Gewerkschaftshauses mit seinen vielen Opfern in erster Linie auf die Ukrainer zurück geht. Und kaum zu fälschen, da öffentlich, dürften Aussagen und Video sein, wonach eben diese ukrainischen Kämpfer Separatisten, die aus dem brennenden Gewerkschaftshaus flohen, draußen niederknüppelten und traten in wohl kaum bestreitbarer mörderischer Absicht.

Und hier warne ich nun entschieden: wenn sich solche Grausamkeiten zeigen, dann muss jede Parteinahme für solche Leute sofort eingestellt werden, selbst, wenn sie im Recht sein sollten. Statt dessen muss alles getan werden, den Konflikt, zur Not mit Gewalt, nieder zu schlagen. Denn sonst ist das Ergebnis ein furchtbares gegenseitiges Gemetzel, wie Syrien zeigt. Es gibt Indikatoren für solche Entwicklungen; in Syrien war es vor zwei Jahren die triumphierende Verkündung, man habe die Leichen der Feinde auf’s Feld geschafft, um sie den Hunden zu überlassen. In der Ukraine ist es der Versuch, die aus brennendem Gebäude Fliehenden zu erschlagen.

Die einzige Möglichkeit, hier noch einen furchtbaren Bürgerkrieg zu verhindern, ist in meinen Augen die UNO. Mit dem, was auch in Syrien vor zwei Jahren hätte getan werden müssen: dem Einsatz einer internationalen Polizeitruppe. Die ist zivil, die ist neutral, die kann ermitteln und ist, ausgestattet mit robustem Mandat, in der Lage, die Kampfhähne auseinander zu halten. Und – sie ist als Maßnahme in R2P vorgesehen. Wird nie drüber geredet. Aber is so.

Ich nehme an, so eine internationale UNO Polizeitruppe ist unbequem. Es gibt keinen Grund, die gegnerische Partei, hier Russland, heraus zu lassen. Man muss mit den örtlichen Behörden kooperieren, auch, wenn sie einem nicht passen. Man kann sich keine Gewinnerlorbeeren verdienen.

Aber für Friedenswillige m.E. das einzig vernünftige.

In der Ukraine gibt es dafür ein etwas größeres Zeitfenster als in Syrien nach dem Massaker von Houla. Aber es wird nicht ewig offen bleiben. Man sollte sich dafür einsetzen.

Und schließlich gibt es noch die Ukrainer selbst, die sich offenbar dem Einmarsch Bewaffneter entgegen stellen. Wer das durch Bereitstellung internationaler Kräfte unterstützt, egal, ob seine Unterstützung jeweils gegen ‚Freund‘ oder ‚Feind‘ geht, kann sich ziemlich sicher sein, auf der Seite der ganz normalen Bürger zu stehen.