Das verquere Weltbild radikaler Zionisten

Zuweilen offenbart sich ein verqueres Weltbild an einer einzigen Äußerung. Durch sie wird plötzlich ein logisches System, ein Weltbild offenbar, das die Grundlage zuvor seltsam unverständlicher Behauptungen und Handlungen ist.

Anlass war die Äußerung, dass „manche Linke so links sind, dass sie mit einer Schulter wieder die Faschisten berühren“. Das fand Zustimmung und verwiesen wurde auf „Massenmörder wie Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot“, die trotz unterschiedlicher Ideologien Millionen Menschen auf dem Gewissen haben. Ich fügte die radikalen Islamisten hinzu, also die mehr oder minder el-Qaeda-Ableger, die nicht nur in Irak und Syrien, sondern auch in der gesamten Sahel-Zone wüten und denen, sollten sie irgendwo tatsächlich stabil an die Macht gelangen, meiner Ansicht nach ohne weiteres ebenso systematische Massenmorde zuzutrauen sind, an den Christen, an den Animisten, an den Schiiten, aber auch an den sunnitischen Muslimen, die sich ihrer radikalen, mörderischen Ideologie verweigern. Vergessen werden soll auch nicht, wieviel Überredungskunst es bedurfte, den verhungernden Somaliern durch UN-Organisationen Nahrungsmittelhilfe zukommen zu lassen. Ihre furchtbaren Bombenattentate, ihre in Abschlachten endenden Überfälle auf Christen in Schwarzafrika und ihr Wüten in Mali sprechen da eine deutliche Sprache und genau das erhellt das Phänomen, weil sie gerade keiner der abendländischen Ideologien zuzuordnen sind.

Hierauf erfolgte seitens eines radikalen, fanatischen Zionisten mit deutsch-israelischer Staatsbürgerschaft die merkwürdige Reaktion:

Wer Hitler, Stalin, radikale Islamisten auf eine Stufe stellt, relativiert die Shoa.“

Das ist natürlich völliger Unsinn. Es wird nicht ein einziger Massenmord dadurch relativiert, verharmlost, dass es weitere gab. Eher ist das Umgekehrte der Fall, nämlich dass jemand, der sich gegen die Betrachtung des Phänomens Massenmord und die Untersuchung seiner Ursachen wehrt, andere Massenmorde als weniger schlimm relativiert. Genau so wird es in Afrika oft auch gesehen – hier nur eines von zahlreichen Beispielen. Hervorgerufen worden sein dürfte dies durch Adam Hochschilds Buch „King Leopolds Ghost“ über die damals weitgehend vergessenen Kongogräuel , über dessen Rezeption in Belgien der Guardian einen Artikel unter der Überschrift „Der verborgene Holocaust“ verfasste.

Auch in Deutschland war der reklamierte Anspruch, der Massenmord an den Juden sei von allen anderen herausgehoben und müsse deswegen gänzlich getrennt gesehen werden, durchaus umstritten. Insbesondere die Sinti und Roma wehrten sich in der Diskussion um das Holocaust-Mahnmal in Berlin mit Entschiedenheit dagegen, ausgeschlossen und damit quasi als Opfer zweiter Klasse gesehen zu werden. Schon damals fiel seitens des Förderkreises bzw. des Zentralrats der Juden das Argument, „dass die Einzigartigkeit des Holocaust durch die Nennung anderer Opfer verallgemeinert und am Ende den Rassenmord der Nazis relativieren würde.“ (Aus: Mahnmale in Berlin) Ein seltsames Argument: warum sollten rassistisch motivierte Massenmorde dadurch relativiert werden, dass sie mehrere angebliche Rassen betrafen? Sind denn solche Morde weniger schlimm, wenn auch Sinti und Roma ‚von der Erde getilgt‘ werden sollten? Was unterscheidet den mörderischen, zur Vernichtung aufrufenden Judenhass europäischer Nazis vom mörderischen, zur Vernichtung aufrufenden Christen- oder Animistenhass afrikanischer el-Qaeda-Ableger? Nichts, wenn man solche Phänomene unter dem Aspekt betrachtet, dass alle Menschen gleich sind.

Und wenn man alle Menschen genau so nicht betrachtet?

Es ist völlig normal, dass jedes Verbrechensopfer das an ihm begangene Verbrechen als das Schlimmste überhaupt aus allen anderen heraus hebt. Aber man muss ihnen wehren, wenn sie daraus eine Ideologie machen, erst recht dann, wenn sie sich damit über geltendes Recht stellen und einen Freibrief beanspruchen, nun ihrerseits anderen gegenüber Verbrechen begehen zu können. Selbstverständlich nicht im gleichen Ausmaß, aber eben doch Verbrechen.  Es sieht danach aus, dass genau das aus diesem verqueren Weltbild, das radikale Zionisten haben dürften, folgt.

So erscheint in diesem Weltbild auch nicht mehr das unlogisch, was der Autor des Eingangszitats oben drauf setzte:

Jeder, der die Shoa relativiert, steht außerhalb des demokratischen Grundkonsenses. Mit Antidemokraten rede ich nicht.“

Man mache sich einmal klar, wen alles diese „Antidemokraten“ umfassen sollen: die Schwarzafrikaner, die fragen, warum 10 Millionen ermordete Kongolesen gegenüber 6 Millionen ermordeter europäischer Juden vernachlässigenswert seien. Die Sinti und Roma, die sich dagegen wehren, Holocaustopfer zweiter Klasse zu sein. Diejenigen, die dazu aufrufen, Stalins 39 Millionen Gulag-Opfer nicht als minderschweren Fall von Massenmord zu betrachten – und schließlich die weit überwiegende Mehrheit der Araber, die überhaupt nicht einsehen, warum ein in Europa begangenes ungeheueres Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgerechnet von ihnen und auf ihrem Kontinent gesühnt werden soll. Alles notorische Antidemokraten, mit denen man nicht redet?

Nun, dann wird freilich klar, warum Netanyahu die Europäer unbedingt bewegen wollte, Mubarak gegen die ägyptischen Demokraten zu unterstützen: wenn das eh alles Antidemokraten sein sollen, Leute, die außerhalb des demokratischen Grundkonsenses stehen, weil ihnen naturgemäß die Shoa nicht das bedeutet, was sie den Opfern bedeutet, dann brauchen Demokraten ihnen auch nicht beizuspringen.

Es ist nichts Neues an dieser Denkweise; wir kennen es von den alten Puritanern, die nicht umsonst nach Amerika auszuwandern hatten. Sie waren vorbildliche Demokraten, allerdings mit einer gewichtigen Einschränkung: diese Demokratie galt nur für sie selbst. Denn, so ihre religiös motivierte Denkweise, nur Puritaner seien mit dem heiligen Geist begabt und könnten deswegen richtige Entscheidungen treffen; wer nicht Puritaner sei, sei deswegen in Ermangelung des heiligen Geistes außen vor und könne folglich nicht mit bestimmen. Ihm seien demokratische Rechte zu versagen. Davon betroffen waren nicht nur die mit blutigem, grausamem Krieg unter Cromwell geschlagenen katholischen Iren, sondern auch die Indianer in Amerika: sofern nett und freundlich, als Bimbos zu gebrauchen, sofern sie sich aber wehrten, gottverfluchte Untermenschen, die zu vertreiben und zu massakrieren ein gottgefälliges Werk war.

Aus dem Querfrontdickicht

Wegen der Naivität, mit der allzu viele an Ideologien heran gehen, insbesondere mit dem Glauben, rechts und links seien klar unterschieden, führe ich mal dieses Beispiel vor:

Das ist Mathaba. Sieht gut aus, nicht war? Ist es aber nicht.

Entstanden ist es unter erheblicher Förderung durch Gaddafi und war ihm stets treu ergeben. Was zumindest im öffentlichen Teil nicht mehr sichtbar ist: über diese Seite konnte auch lange Zeit sein Grünes Buch gelesen und bezogen werden.

Mathaba selbst behauptet allerdings, es werde verwechselt, nämlich mit Gaddafis World Mathaba. Wegen Wikipedia engl. Weil es sich unter halbwegs Eingeweihten längst herum gesprochen hat, wer Mathaba ist. Ich behaupte: diese angebliche Verwechselung ist eine glatte Lüge. Solche Lügen findet man auch in anderen suspekten Medien immer wieder, wenn sie enttarnt sind. Ich behaupte, World Mathaba, das mir heute erstmals begegnet ist, ist eine Fake-Seite. Um Mathaba zu entlasten. Tatsächlich gab es nie ein anderes Mathaba als dieses – und nebenbei bemerkt war Gaddafis Farbe grün. Mathaba-Grün. Der hätte nie blau genommen.

Richtig ist, was Wikipedia schreibt: Mathaba hat auch Leute, wie Dave Duke und Louis Farrakhan dort publizieren lassen. Beide sind Rechtsradikale. Duke ist der prominenteste Neonazi in den USA, der viel verreist, bestens vernetzt ist, auch mit europäischen Rechtsradikalen. Beide hatten sehr gute Beziehungen zu Gaddafi; Duke war noch im Sommer 2010 zu einem ‚Staatsbesuch‘ in Tripoli. Ohnehin sind die Gaddafis als Finanziers der internationalen Rechtsradikalenszene zu betrachten: so finanzierte der alte die Übersetzung von Haiders Buch in’s Englische, Sohn Saif rühmte sich in der Wiener „Die Presse“, Kontakte zu allen wichtigen Leuten der europäischen Rechtsradikalenszene zu haben. Saif ist ein klassischer Faschist, während Vater Gaddafi Anarchist war.

Doch es geht noch weiter. Der recht starke Fokus auf Berichte aus Australien hat einen personellen Hintergrund: dort nämlich sitzt Welf Herfurth. Ein Deutscher, der nach Australien auswanderte, weil ihm daheim der Boden zu heiß wurde. Er war nicht nur NPD-Mitglied, sondern engagierte sich auch in paramilitärischen Nazi-Kampftruppen, wie er dort sogar selbst schreibt oder schreiben lässt. Herfurth gehört zu den wichtigsten Leuten auf Mathaba.

Die von Herfurth vertretene Richtung wird Nationalanarchismus genannt und wird zur Querfront gezählt. Um das Herausbaldowern haben sich australische Antifaschisten verdient gemacht; Australien hat allerdings auch eine besonders wilde Rechtsextremistenszene, da gibt’s sogar eine Art NSDAP. Wer mag, kann nach Welf Herfurth oder National Anarchism googeln.

Da diese Beziehungen natürlich alle anrüchig sind, werden sie verschleiert. Und zwar dadurch, dass sich ihre Träger an populäre Bewegungen ran hängen. So widmete sich Mathaba, sobald absehbar war, dass Gaddafi den Krieg verlieren würde, der Occupy-Bewegung, vor allem in den USA. Nicht ohne Erfolg, wobei sie mit Sicherheit nicht die einzigen waren: auch in Deutschland kann man davon ausgehen, dass ein Teil der Occupy-Bewegung rechtsradikal unterwandert ist.

Logisch, dass Mathaba sich nun intensiv der Datenschutzbewegung widmet, auch das nicht als einzige. Insbesondere Autonome Nationalisten, die sich auf alte Linksnazis wie Strasser berufen, tun es ihnen gleich. Insofern ist diese Mathaba-Angelegenheit nur als ein Beispiel zu betrachten.

Nun heißt es zwar, national und anarchistisch seien Oxymorone, da Anarchisten prinzipiell antinational sind. Das aber ist als ‚Abstandshalter‘ nicht ausreichend. Tatsächlich enthält Nationalsozialismus immer ein anarchisches Element: die Kristallnacht war ein anarchisches Ereignis. Das liegt darin begründet, dass der Faschismus – Führer hin, Führer her – sich ideologisch immer auf die Befreiung der Volksseele beruft. Im Klartext: er stützt sich auf die Freiheit des Mobs, den die von ihm verehrten Führer beliebig lenken.

Insbesondere heutzutage ist Nationalchauvinismus kein zuverlässiger Indikator für Rechtsradikalismus mehr. Speziell Dugin, einer der wichtigsten Ideologen des modernen Faschismus, vertritt eine Art Multikulti-Theorie („multipolare Welt“) – allerdings alle Kulturen immer schön getrennt voneinander. Andere Völker und Kulturen werden von ihm durchaus akzeptiert, aber nicht im eigenen Land; wenn unvermeidlich, dann in einer Art Ghettos. So ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass türkische und deutsche Nazis sich bestens verstehen können. Denn beide sind sich darin einig, dass Deutsche und Türken nur getrennt voneinander zu leben haben.

Ein weit zuverlässigerer Indikator für modernen Rechtsradikalismus ist also die Rassentrennung. Rassentrennung, weil für Rechtsradikale eine Kultur aus der biologischen Einheit, Volk und Rasse, erwächst.

Nicht zu vergessen ist ein weiterer Aspekt, den alle Querfrontler, ob Faschisten, Pseudo-Sozialisten oder Anarchisten miteinander teilen: die Relativierung der Menschenrechte. Diese betrachtet Dugin ausdrücklich als Kulturimperialismus der USA. Ihnen entgegen und über sie stellt er die „traditionellen Werte“, also die der jeweiligen Kulturen. Derzeit plakativstes Beispiel ist der Umgang mit Homosexualität.  Wenn der Mob der eigenen Kultur den Willen hat, Homosexuelle zu unterdrücken, zu drangsalieren oder gar zu töten, so ist nach Auffassung der Rechtsradikalen diesem Willen nachzugeben. Wer sich statt dessen auf die natürlich auch für Homosexuelle geltenden Menschenrechte berufe, unterwerfe sich damit dem US-Kulturimperialismus, dessen Zweck es sei, sich politisch die Welt zu unterwerfen. Im Zweifel kämpft man dann gegen den US-Imperialismus, indem man seine Homosexuellen umbringt. Es ist zu erwähnen, dass Dugin gute Kontakte in den Kreml hat. Russland hat bereits einen Antrag bei der UNO eingebracht, die „traditionellen Werte“ zumindest gleichberechtigt neben die Menschenrechte zu stellen.

Die Relativierung der Gültigkeit der Menschenrechte zugunsten der „traditionellen Werte“ hat seine Logik. Rechtsradikalismus ist immer mit Natur und Biologie verbunden, darauf stützt er sich. Der Grundgedanke stammt von Spengler: eine Kultur entwickle ein Volk, das aus seinem Boden gewachsen sei wie die einheimischen Pflanzen („Blut und Boden“). Damit wird – siehe Rassentrennung – etwas allen Menschen gemeinsames Menschliches in Abrede gestellt. Die Gemeinsamkeit reduziert sich einzig auf die äußere Gestalt. Reflexionsfähigkeit, Sprache, Bedeutungen, Verstehen wird von ihnen nicht als für das allgemein Menschliche konstituierendes Element betrachtet (de facto haben die keine Ahnung vom Menschen). Wer aber keine solche Gemeinsamkeiten aller Menschen erkennt und anerkennt, der kann auch nicht die Menschenrechte als universal anerkennen. Für den ist alle Ethik Kultur- oder gar biologisch volksbedingt. Wenn also ein Volk oder eine Kultur der Auffassung ist, Homosexuelle seien um die Ecke zu bringen, dann habe das Vorrang vor als fiktiv angesehenen Menschenrechten.