Von der Ethik der Israelkritik

Vom deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit wird heute die Buber-Rosenzweig-Medaille an den 68-jährigen Erziehungswissenschaftler und Publizisten Micha Brumlik verliehen. Zwar verließ er lt. Domradio Israel nach zwei Jahren Aufenthalt wegen seines Imperialismus als Antizionist, bezeichnet sich jedoch heute als Postzionist, was zu relativieren ist; trat er doch aus der Partei die Grünen aus, weil die sich gegen Waffenlieferungen an Israel aussprach.

Ich erwähne ihn allerdings deswegen, weil er eine relativ alte und deswegen kaum noch gehörte, nichts desto trotz im Denken wirkmächtige zionistische Argumentation vorbringt.

Als „Störpunkt“ im christlich-jüdischen Dialog bezeichnet er in einem heutigen Interview auf WDR 5 nämlich die Frage, inwieweit „die Auseinandersetzung über die israelische Siedlungs- und Palästinapolitik Gegenstand auch christlich-jüdischer Gespräche sein kann oder nicht„:

Und etwas ähnliches (eine gewisse Störquelle) wird man auch im Bereich menschenrechtlich und völkerrechtlich engagierter protestantischer Christen beobachten können, die in einer oftmals, lassen Sie es mich so sagen, gesinnungsethischen Art und Weise die israelische Politik glauben, kritisieren zu müssen, was natürlich ihr gutes Recht ist; was nur auffällt ist, dass dieser Konflikt, der im Vergleich mit alledem, was uns zur Zeit beschäftigt, Gott sei Dank doch eher gering ist, unverhältnismäßig stark in den Vordergrund tritt.

Gesinnungsethik, da dürfte Brumlik auf Max Weber anspielen, der sie in den Bereich der politischen Ideologie einordnete, die nicht nach den Folgen einer angeblich moralisch gebotenen Handlung fragt, sondern nur danach, ob sie der reinen ideologischen Lehre folgt. Er stellt sie in den Gegensatz zur Verantwortungsethik, die die Qualität einer Handlung an ihrem Erfolg misst.

Nun steht tatsächlich beides nur im Falle politischer Ideologien im Gegensatz zueinander. Gesinnungsethiker war ohne Zweifel Kant, wenn er einzig den guten Willen als gut ansah. Allerdings war für ihn für die moralische Qualität einer Handlung schon deren Konsequenz ausschlaggebend – nur eben nicht die positive Konsequenz für den Handelnden.

Wenn Brumlik von Gesinnungsethik spricht, dann suggeriert er also, die Protestanten würden Israel nur aufgrund ihrer christlichen (antijüdischen?) Ideologie kritisieren, ungeachtet der Folgen, die ein Handeln nach ihrer Kritik hätte.
Nur: welche Folgen wären das denn? Es wäre die Anerkennung der Gleichberechtigung der Palästinenser, ja, Araber und Muslime überhaupt, damit die Anerkennung ihres Selbstbestimmungsrechts – und auch die Anerkennung der Tatsache, dass Menschen allüberall auf der Welt auf Unterdrückung, Missachtung, Demütigung, Zerstörung ihres Lebensraumes gleich reagieren: nämlich mit sich zu tödlichem Hass steigernder Wut, die man mit Sicherheit nicht dadurch abbaut, dass man die zu diesem Verhalten führenden Reize verstärkt.
Gesinnungsethisch – sofern man da überhaupt von Ethik sprechen mag – wäre dann bestenfalls die israelische Seite, die ihre religiös begründeten höherwertigen Ansprüche gegenüber den Palästinensern durchzusetzen trachtet – ohne Rücksicht auf die sich zwangsläufig ergebenden menschen- und völkerrechtswidrigen Folgen.

Demgegenüber wäre die Folge des von den protestantischen Israelkritikern verlangten Handelns ein unabhängiger Staat Palästina und das ist nun allerdings ein Ziel, das seit Jahrzehnten von der Weltgemeinschaft UNO vertreten wird.

Und dann führt Brumlik noch ein altes Hasbara-Argument an: die angeblich geringe Bedeutung des Palästina-Konflikts für die Welt – weswegen jede Israelkritik grundsätzlich im Verdacht des Antisemitismus stehen soll. Das ist natürlich völliger Unsinn, denn tatsächlich ist der Palästina-Konflikt der älteste und wohl auch gefährlichste Konflikt, den wir überhaupt auf der Welt haben. Von ihm nämlich sind nicht nur alle Araber, sondern auch alle Muslime betroffen, handelt es sich doch um ihren geheiligten Boden, Dar-ul-Islam, und vor allem um ihre heiligen Stätten el-Aqsa-Moschee und Felsendom, die im Begriff sind, von Israel annektiert zu werden. Islamophobie, Flüchtlingsproblem, Terrorismus-Problem, gar die Gefahr nuklearer Auseinandersetzungen wegen Iran oder einer Konfrontation zwischen West und Ost, in all diese Probleme spielt der Palästina-Konflikt hinein oder ist das, was sie überhaupt ausgelöst hat – die Frage ist, welcher Konflikt denn wohl größere Bedeutung in der Welt habe und dringender zu lösen wäre?

Nun fragt sich: was hat dies alles mit christlich-jüdischem Dialog zu tun?
Nichts. Es sei denn man anerkennt, dass die Auffassungen von Gläubigen einer Religionsgemeinschaft Verbindlichkeit auch für alle anderen haben könnten, die dieser Religion nicht angehören. Dass also politische Ziele einer Religionsgemeinschaft Bestandteil dieser Religion seien und folglich auch unter dem Schutz der Religion stünden. Das ist natürlich völlig indiskutabel. Man stelle sich vor, wir sollten Köpfen von Andersgläubigen oder Dissidenten akzeptieren oder müssten Kontakte zu bestimmten Kasten untersagen. Oder anerkennen, dass fromme evangelikale Christen sich an die Bibel halten, wonach die schwarzen Nachkommen des gottverfluchten Ham auf ewig die Sklaven der anderen Nachkommen Noahs zu sein hätten. Undenkbar.

Unser Völkerrecht ist säkular. Nicht in dem Sinne, dass es sich nicht um Religionen schert und sie ablehnt, sondern in dem Sinne, dass es einbezieht, dass es verschiedene mächtige Religionen gibt und dass es keinen Frieden in der Welt geben kann, wenn man irgend einer dieser Religionen einen höheren Stellenwert einräumt, als den anderen. Dies war einst der Fall – es führte zur höchst unrühmlichen Geschichte eines erobernden, mordenden, versklavenden Christentums zur höheren Ehre Gottes.

Es gibt einen bestimmten Kanon  von Grundwerten, die humane Ethik, auf die sich letztlich alle selbständig menschlich Denkenden einigen können, sich darauf geeinigt haben, wir nennen diesen Kanon die Menschenrechte. Zuweilen stehen sie als westliche Werte unter Kritik. Nun, das braucht uns nicht weiter zu stören. Mag man sie hier und da ein klein wenig anders formulieren wollen, der Kern bleibt gleich, weil es nun mal die gleichen humanen Werte sind, die den Menschen zum Menschen machen und die auch von allen Religionen für heilig erklärt worden sind. Auf diesem Kanon basiert unser Völkerrecht. Das sollte uns bewusst sein. Es sollte uns bewusst sein, was wir in Wirklichkeit tun, wenn wir Völkerrecht mal eben außen vor lassen: wir scheren uns dann nicht um die humanen Werte, um das Menschliche schlechthin.

Und dann fragen wir nochmals nach Gesinnungs- und Verantwortungsethik: ist es verantwortbar, das Völkerrecht zu missachten, das im Falle des Palästina-Konflikts eine Zweistaatenlösung mit bereits definierten Grenzen vorsieht, weil man aus eigenem Schuldgefühl heraus (das sich freilich nicht auf z.B. ehemalige schwarzafrikanische Sklaven erstreckt) religiös begründeten Ansprüchen im Wesentlichen europäischer Juden einen höheren Rang einräumt, als den sachlich begründeten Ansprüchen eines nicht-europäischen Volkes?

So gesehen …

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